TELL me! (9)

Wer in Rom den Palazzo Spada besucht, kann eine der berühmtesten Augentäuschungen der Kunstgeschichte auf sich wirken lassen: die perspektivische Galerie des Francesco Borromini. Dem Barockbaumeister gelingt es, künstlerische und architektonische Mittel so geschickt zu kombinieren, dass auf kleinem Raum die Illusion großer räumlicher Tiefe entsteht. Aus einem 8 Meter langen Gang wird optisch eine 40 Meter lange Galerie.

Möglich, dass Josef Saier dieses Meisterwerk gekannt hat. Als junger Mann hat er Italien bereist. Ein Leben lang die italienischen Meister studiert.

Unverkennbar ist jedenfalls, dass er von Anfang an auf ausgefeilte perspektivische Effekte setzt, um die Augen der Zuschauer über die wahren Dimensionen seiner Bühne zu täuschen. Und in Ötigheims Tiefgestade die perfekte Illusion der Schweizer Hochgebirgswelt zu erschaffen.

In einem Interview der „Badischen Presse“ von 1927 gibt er Auskunft: „Die Idee meiner Bühne ist die: Nicht Freilicht-, sondern Naturbühne, diese aber künstlerisch ausgestaltet.“ Entgegen der heute üblichen Sprachregelung, sah der Gründer der Volksschauspiele seine Bühne als Naturtheater, nicht als Freilichtbühne!

Diese Natur suchte er künstlerisch zu formen. Zunächst mit riesigen Leinwänden, die das Bühnenareal begrenzen und gleichzeitig optisch erweitern sollen. Diese ersten gemalten Gebirgslandschaften sind bereits von herausragender künstlerischer Qualität. Der finanzielle Erfolg der „Tell“-Aufführungen ermöglicht es ihm dann, die Aufbauten Jahr für Jahr zu verfestigen. Ein raffiniert ausgetüfteltes System von Rücksetzern, Blenden, Wasserspielen, Büschen und Bäumen unterschiedlicher Größe entsteht. Spielzeit für Spielzeit verfeinert Saier die Tiefenwirkung seiner Bühnenlandschaft. Die Liebe zum Detail geht so weit, dass nicht nur irgendwelche Berge gebaut werden, sondern Ansichten der originalen Gebirgszüge rund um den Vierwaldstätter See.

Natur und Kunst verschmelzen. Die Zeitgenossen Saiers sind hingerissen:

„Überwältigt durch die großartige Szenerie, hat zunächst das Auge voll auf zu tun, um das von historischer Treue und höchstem künstlerischen Sinne geschaffene Alpenpanorama in sich aufzunehmen. (…) Von gemalten Kulissen und sonstiger künstlerischer Nachhilfe nicht die geringste Spur, so möchte auch das geübteste Auge angesichts der von Natur und Kunst und umgekehrt unmerklich ineinanderfließenden Szenerie feststellen.“ (Badischer Beobachter, 1927)

„Die ganze Szenerie ist von einer fast unbeschreiblichen Großartigkeit und Naturtreue; man befindet sich nicht in Oetigheim, man ist in 100 Minuten Bahnfahrt und mit 10 Minuten Spaziergang wie durch einen Zauber mitten hinein gesetzt in die Schönheit eines Schweizer Alpentales! Die Illusion der Landschaft ist geradezu vollkommen.“ (Neue Mannheimer Zeitung, 1932)

„Die Dekorationen gehen völlig in die Landschaft über, so dass man kaum merkt, wo die natürlichen Wellen aufhören und die Schneeberge beginnen.“ (Evangelische Wochenzeitung für Frankfurt a.M., 1928)

„Mit dem ersten Schritt in den Zuschauerraum hat man Baden und den Schwarzwald weit hinter sich gelassen. Als habe man, von dem Stab eines mächtigen Zauberers berührt, in Sekundengeschwindigkeit Räume überbrückt. Man ist mitten in der Schweiz.“ (Heidelberger Neueste Nachrichten, 1932)

„Noch ehe es begonnen, steht man bereits im Banne dieser grandiosen Szenerie. Die Sonne glänzt auf dem farbenschillernden Massiv der Schweizer Berge, das gigantisch in den blauen Himmel auftragt. Unmöglich zu denken, daß dies alles nur gemalte Kulissen sein sollen.“ (Rastatter Zeitung, 1932)

„Hier hat die Kunst der Natur ihr Geheimnis abgelauscht. Das ist keine Kulisse mehr, das ist unverfälschte Natur.“ (Heidelberger Anzeiger, 1932)

Saier bringt für jede Inszenierung eine fertige, bis in die Einzelheiten durchdachte bühnenarchitektonische Vorstellung mit. Und überwacht genauestens deren Umsetzung. Wie ein Maler vor seiner Staffelei, formt Saier vom Zuschauerraum aus sein Bühnengemälde.

Für die praktische Umsetzung sorgt ab den 20er Jahren in kongenialer Weise Karl Friedrich Hinkelbein. Der aus Speyer stammende Künstler ist in seiner Heimatstadt zunächst als Maler und Musterzeichner tätig. Auch einige Postkartenmotive sind von ihm überliefert. In Ötigheim wechselt er ins denkbar größte Format: Die Gestaltung der Ötigheimer Freilichtbühne wird zu seiner lebenslangen Leidenschaft und Aufgabe. Er ist der grandiose Bühnenbildner der Ära Saier. Wenn die Volksschauspiele in diesem Jahr auf 110 Jahre „Wilhelm Tell“ zurückblicken, muss man deshalb auch des Karl Friedrich Hinkelbein gedenken, der mit Pinsel, Farbe, Holz und Rabitz diese Erfolgsgeschichte maßgeblich mitgeschrieben hat. Der der Naturbühne Ötigheim „Horizontweite und Tiefenperspektiven in überraschenden Effekten zu verleihen wußte – ein Bild, an dem rastlos  gearbeitet wurde bis zur Vollkommenheit einer zweiten Natur.“

(Markus Wild-Schauber)

Galleria Spada, Rom.

„Wilhelm Tell“, 1911.

„Wilhelm Tell“, 20er Jahre

„Wilhelm Tell“, 30er Jahre.

Karl Friedrich Hinkelbein.

Entwurf: Karl Friedrich Hinkelbein.