TELL me! (8)

Seit 110 Jahre spielen die Volksschauspiele Schillers „Wilhelm Tell“. Seit 110 Jahren wird darüber in der Presse berichtet. Und so die Ötigheimer Aufführungsgeschichte dieses Meisterwerkes dokumentiert. Viele dieser Texte sind bis heute lesens-, manche auch bedenkenswert. Der nachfolgende Text bringt zusätzlich eine humorvolle Komponente ein. Es ist der am 30. Juli 1927 in Mundart im Karlsruher „Residenz-Anzeiger“ erschienene

„Wochebrief vom Dr. Diftler

Also, üwer Oetigheim, wo mir die Tellaufführung im Freilichttheater gsehe un miterlebt hawe, will ich schreiwe. So e Volksschauspiel sieht mer so ball nimmer, mer lebt mit, mer fühlt mit un mit Recht nennt mer jetzt Oetigheim

‚Badisches Oberammergau‘.

Wer hätt dann gedenkt, wie mir vor dreißich Jahr im Manöver in Oetigheim glege sin un uns beinah zu tot glangweilt hawe, wo kein rechts Wirtshaus noch bestande hat un die Bevölkerung durch Auswanderung immer mehr abgnomme hat, ja, wer hätt damals gedenkt, daß durch die Energie von eme einzelne Mann, der den gute Kern uns Talent für Höheres in denne Einwohner entdeckt un zu wecke verstande hat un der als Pfarrer seine Pfarrkinder zur Kunst un zum Theater auszubilde verstand, die Einwohner auf so e hohe Bildungsstuf bringt, daß Oetigheim mit seim Pfarrer un seine Einwohner jetzt, ich möcht sage, in der ganze Welt, en großer Klang hat un des Volksschauspiel von keim Naturtheater üwertroffe un mit Ausnahm von Owerammergau von keim einziche erreicht wird.

Was muß der gute menschefreundliche immersorgliche un liebenswürdiche Herr Pfarrer Saier für e Arweitskraft sein, wenn-er newe seim Beruf noch e Werk ins Lewe hat rufe kenne, vor dem jedermann bewundernd sein Hut abzieht. Was hat der Mann alles bewältiche müsse wo-er net mit glernte Schauspieler zu tun ghabt hat un von seine Mitwirkende keiner was gwußt hat

von denne Bretter die die Welt bedeute.

Die Titelroll, der Tell, wird von-eme Landwirt gegewe, mer kann auf em Theater die Roll wahrhafter un naturgetreuer net sehe. Der Landvogt Geßler, e ganz hervorragende Gstalt, hoch zu Roß, isch vom Hirschwirt verkörpert, so daß mer meint, er miest in-eme frühere Lewe e mal sicher irgendwo Landvogt gwese sein un jetzt zur Sühne als Hirschwirt sein Brot verdiene. Der edle alte Attinghause fand im Steuererheber e ganz glanzvolle Wiedergab. Wenn alle Steuererheber so edel wäre, da wär die Steuer ball abgschafft. Der Staufacher, von-eme Student repräsentiert, war e Meisterstück un der junge Rudenz — en Postassistent hat mit seinere von ihm verehrte Berta von Bruneck, dere er auf der Jagd, beide hoch zu Roß, sei unsterbliche Liewe erklärt hat, so-e vollendet edle Haltung eingnomme, wie se net-e mal der Postdirektor einnemme kennt. Die hinreißende Begeisterung, die der Arnold von Melchtal ausgübt hat auf seine Leidensgenosse, hat auch die Zuschauer begeistert, um so mehr, als der Darsteller newe seim Künstlerberuf einfacher Daglöhner isch. Wie oft trefft mer sonst auf der Bühn Leit an, die sich zum Daglöhner besser eigne dähte als zum Künstler. So hätt ich noch viele zu nenne, wie die Roll vom Walter Fürst un vom Baumgarten, die gleichfalls den Lorbeer verdiene.

Was mich mit größter Bewunderung erfüllt hat, ware die vorzüglich repräsentierte Frauerolle, so-e Berta von Bruneck kann in keim Hoftheater edler un üwerzeugender wiedergegewe werre, da wa

Adel in jeder Bewegung,

wie fürstlich isch die Berta auf ihrem unruhiche wundervolle Pferd gsesse, kann er sich deß denke, daß-se dann am andre Morge auf em Acker Kartoffle rausmacht un ihr Partner, der Rudenz, am Postschalter Briefmarke verkauft. Daß ferner die Hofdam Gertrud, wann-se von der Jagd heim kommt, die Küh melkt, die Hedwig die Schwein versorgt un die Armgard Butter stampft.

Was war deß für e herrlichs Bild, wenn die Landebergische Reiter in saußendem Galopp darhergstürmt komme sinn, daß der ganz Zuschauerraum gwackelt hat un was ware deß für gute Gstalte, wie aus Erz gegosse un wie verwachse mit ihre Pferd sin-se gwese, daß jedem, der vom Reite un von Pferd was versteht, vor Freud sei Herz höher gschlage hat. Deß war-en anderer Aufzug als wie bei uns im Theater, wann-se unter Todesangscht en abgetriewener schwanzloser Gaul auf die Bühn gführt hawe, wo-se den Sänger der drauf gsesse isch hawe hewe miese, daß er net runterfallt un der Regisseur mit Herzklopfe hinter der Kulisse mit-eme Korb gstande isch, falls der Gaul aus der Roll fallt un durch vorzeitiche Verdauung im Stand isch, die ernschteste Szen lächerlich zu mache.

In Oetigheim wirke auf der Freilichtbühne achthundert Einwohner mit, die in denne Masseszene unvergeßliche Bilder uns vorführe, dann sin als Sänger vierhundertfünfzich Stimme vertrete, ferner spielt e verdecktes Orchester Motive aus der Oper Tell.

Ein ganz herrlicher, auf keiner Stadtbühn möglicher Aufzug isch

der Viehtrieb auf die Alm.

Was sin da für prächtiche gsunde wohlgepflegte Küh, Kälber, Ziege un Schaf, die auf die Alm ziehe un zwar auf-e richtiche Alm, wo-se richtiches Gras fresse un richtichs Wasser saufe kenne. Deß isch e lebenswahres Bild in ere ganz naturgetreue Schweizerlandschaft, ja mer glaubt sich wirklich in die Schweiz versetzt. Auf em Verwaldstätter-See sieht-mer en wirklicher Kahn fahre un die Häuser sin getreu nach schweizer Stil gebaut. Wie gmütlich grüßt uns vom Berg deß Heim vom Tell, wie echt isch deß Stauffacherhaus gebaut un wie mächtich steht im Mittelpunkt die Zwingburg Uri, mer meint sie sei aus em Fels rausghaue, so massiv steht-se da. Hoch owe sieht mer die Bergkapell, deß isch awer kei Kuliß, da zieht die Bittprozession nauf, die aus fünfhundert Mensche besteht. Der Rütlischwur in dere üwerzeugend ansprechende Natur, wirkt faszinierend un reißt Mitspieler un Zuschauer mitsich.

Schon wenn-mer eintritt durch den mit mächtiche Türm flankierte Haupteingang un sieht deß Bühnebild, da kommt-mer sich ganz klein vor, denn der Eindruck isch üwerwältigend. Mir sin die Träne in die Auge gstande, so ergriffe war ich, denn vor soeme Werk steht-mer fassungslos und bewundernd.

Der Herr Pfarrer Saier

hat mit dem Lebenswerk sich e bleibendes Denkmal gsetzt, denn die Gemeinde Oetigheim verdankt ihm ganz allein ihren heutiche Wohlstand. Er isch net allein Seelsorger, er isch auch Volkserzieher un indem er seine Mitbürger auf e höheres geistiches Niveau erhebt, wobei die Relichion gwiß net Not leidet, verwendet er den Uewerschuß zur Unterstütung der Kirch, zur Hebung des Volkswohls un zu charitative Zwecke. Wenn-mer ferner bedenkt, was die Bahn durch Oetigheim einnimmt, die ungezählt Extrazüg nach dem Volksschauspiel ablaßt, un wie die Einwohner in geordnete Verhältnisse lewe, so muß-mer sage, daß der Herr Pfarrer Saier en Wohltäter der Menschheit isch. Geht-mer heut durch den Ort, so zeigt-er schon von auße sei Wohlhabenheit. Wie sin die Häuser gut gepflegt un wie stehn-se sauwer un appetittlich da. Jeder Bauer hat Vieh im Stall, wohlbestellt sin die Aecker und gradezu hervorragend isch die Pferdezucht. Was sin deß für herrliche, stolze un edle Pferd mit

Schwänz bis auf der Bode

un mit welcher Sicherheit sitzt der Reiter im Sattel. Wie üwersichtlich isch die Bühn, die Akustik so vorzüglich, daß auf denne viertausend Sitzplätz jedes Wort verstande wird un von jedem Platz alles gut üwersehe werre kann.

Wer die Tell-Aufführung in Oetigheim noch net gsehe hat kann sich kein Begriff mache was er da versäumt. Mir miese von Herze dankbar sein, daß unser Ländle Bade bevorzugt isch, deß Volksschauspiel zu besitze un mir miese der Vorsehung danke, daß er unserm Land en Mann bescheert hat, der selbstlos so viel tut für Volkserziehung un Kunst, wie der Herr Pfarrer Joseph Saier, Seelsorger in Oetigheim.

Es soll mich freue wenn auf meine Mitteilunge hin recht viele sich aufraffe würde die Tellaufführung in Oetigheim zu bsuche, denn

‚sieh das Gute liegt so nah!‘

Mir brauche net nach Oberammergau zu gehn, un dheires Gelt auszugewe, mir brauche auch net zglauwe, daß mer nur war Gutes im Ausland suche miese, mir hawe in Oetigheim e goldem Muschel, in der e echte wertvolle Perl uns gschenkt isch! Wenn der Pfarrer Saier e mal in Himmel kommt, so wird-em der Schiller freudich entgegekomme un ihm aus Dankbarkeit en Ehreplatz newe sich einräume! Vorerst soll er awer noch recht lang auf seim Ehreplatz in Oetigheim bleiwe dürfe!“

(Markus Wild-Schauber)

Wilhelm Tell (Landwirt Georg Kühn)

Hermann Geßler (Hirschwirt Josef Kölmel).

Berta von Bruneck (Lina Weingärtner).

Kinder beim Almabzug

Wichtige Mitspieler beim Ötigheimer „Tell“: Kühe