TELL me! (5)

Wilhelm Tell ist eine Sagengestalt. Und doch hat jeder eine genaue Vorstellung davon, wie er ausgesehen hat. Zumal im Telldorf Ötigheim.

Erschaffen und nachhaltig geprägt hat dieses Bild Richard Kissling. Mühelos setzt sich der Bildhauer 1895 bei einem Wettbewerb für eine Tellstatue gegen 30 Konkurrenten durch. Das Denkmal von Altdorf ist sein künstlerischer „Meisterschuss“.

Anders als seine Mitbewerber zeigt Kissling Tell in der Phase der „Unschuld“: vor der Begegnung mit dem Hut, vor dem Apfelschuss, vor dem Sprung aus dem Boot, vor dem Schuss auf Geßler. Und vermeidet so jegliche Theatralik. Kisslings Tell ist ein liebevoller Vater mit seinem Sohn auf dem Spaziergang ins Tal. Die weitere Entwicklung überlässt der Künstler der Fantasie des kundigen Betrachters.

Als Modell für seinen Tell wählt Kissling einen Viehzüchter aus Uri. Auch Michelangelos „Moses“-Skulptur steht Pate, zumindest unbewusst – Kissling hat lange in Rom gelebt. Dem Schönheitsideal Ende des 19. Jahrhunderts folgend, modelliert der Bildhauer Tell stämmig und muskulös.

Ab sofort hat Tell Gesicht und Gestalt. Kisslings Entwurf überzeugt nicht nur die Preisrichter, die Begeisterung erfasst alle sozialen Schichten. 1905 verleiht die Universität Zürich Kissling die Ehrendoktorwürde, und zwar ausdrücklich dafür, dass er die wahre Gestalt des Wilhelm Tell gefunden habe.

Seit seiner Enthüllung wird das Kunstwerk für alle möglichen und unmöglichen Zwecke zitiert und reproduziert. Die Abbildung auf Briefmarken und Banknoten ver­ankert das Denkmal endgültig als nationales Symbol in der Schweizer Bevölkerung und über die Landesgrenzen hinaus.

Auch bei Veröffentlichungen der Volksschauspiele taucht Kisslings Tellgruppe immer wieder auf: Sie schmückt Plakate, Programmhefte, Textbücher, wird auf Fotos nachgestellt. Pfarrer Saier präsentiert eine geschnitzte Replik des Denkmals in seinem Wohnzimmer. Das Hotel „Tell“ dekoriert damit lange Jahre seine Teller. Und im Ötigheimer Rathaus findet sich das Motiv bis heute als Relief im Eingangsbereich.

Kisslings Plastik beweist, bei aller zeitgebundenen Ästhetik, Zeitlosigkeit. Die Rückführung des dramatischen Geschehens ins Natürliche, Unschuldige, Selbstver­ständliche verleiht Kisslings künstlerischer Formulierung eine Über­zeugungskraft, vor der selbst etwaige Einwände formaler Art gegenstandslos werden. Wie Schillers Schauspiel und Rossinis gleichnamige Oper ist Kisslings Darstellung zur Messlatte für die künstlerische Behandlung der Tellgeschichte geworden.

Es lag daher nahe, sich bei der Gestaltung eines Ötigheimer Telldenkmals an Altdorf zu orientieren.

(Markus Wild-Schauber)

Richard Kissling bei der Arbeit am Gipsmodell des Altdorfer Telldenkmals.

Kisslings „Tell“ als Briefmarke.

Vom Altdorfer Denkmal inspiriertes Plakat der Volksschauspiele.

Karl Kühn schmückte die Teller seines Hotels „Tell“ mit Kisslings Entwurf.