TELL me! (4)

Der kolossale Erfolg der „Tell“-Aufführungen ermöglicht es dem gerade gegründeten „Volksschauspiel Ötigheim e.V.“ einen Teil der Einnahmen für soziale Zwecke zu spenden. 1911 finanziert der Verein zu großen Teilen den Bau des ersten Ötigheimer Kindergartens, der Nähschule, der Kochschule und eines Theatersaales. Alles untergebracht in einem Gebäude, dem heutigen Rathaus, das eigentlich nur ein Teilabschnitt eines noch größeren Bauwerks sein soll. Saier plant den Bau eines Festspielhauses mit 2000 Sitzplätzen.

Auch den Aufbau einer touristischen Infrastruktur treibt der Geistliche voran. Saier ermutigt zum Bau eines Hotels für gehobenere Ansprüche und findet in Karl Kühn einen Ötigheimer, der diesen Plan umsetzt. 1912 wird das Hotel „Tell“ eingeweiht. Mit besseren Übernachtungsmöglichkeiten im Ort hofft Saier, auch den Bedürfnissen eines internationalen Publikums gerecht zu werden. Programmhefte erscheinen in drei Sprachen und werben dafür, gleich mehrere Urlaubstage im „Telldorf“ zu verbringen. Lobt man anfangs noch den „schattigen Waldweg“, der vom Bahnhof Rastatt nach Ötigheim führt, gelingt es Saier jetzt, Eilzüge in Ötigheim zu stoppen. Und der Bahnhof unserer 2200-Seelen-Gemeinde wird für Sonderzüge viergleisig ausgebaut. Wenige Jahrzehnte zuvor hatte Ötigheim noch darum kämpfen müssen, überhaupt ans Bahnnetz angeschlossen zu werden.

Auch auf dem „Tellplatz“ entfacht Pfarrer Saier eine Bautätigkeit, die seine Entschlossenheit nachdrücklich dokumentiert. Und seinen Mut: Der Zuschauerraum wird 1911 auf 3500 Sitzplätze und 700 Stehplätze erweitert und erhält ein massives Holzdach. Im Foyer entstehen Wirtschaftsgebäude und Sanitäranlagen, die für Tausende Besucher ausgelegt sind. Eine enorme Investition für den jungen Verein.

Saier beschränkt sich aber nicht auf reine Zweckbauten. Die Architektur wird im Stil der Tellkulissen gestaltet. Dies beginnt bereits mit einem stattlichen Torbogen beim Zuschauerparkplatz, führt hinauf zu einem idyllischen Kassengebäude, durch ein efeuumranktes Eingangsportal in einen Park mit freilaufenden Pfauen. Der Besucher soll in eine romantische Fantasiewelt eintauchen. Auch die zum Ötigheimer Wahrzeichen gewordenen „Telltürme“ entstammen dieser Konzeption.

Der Plan, nicht nur die Bühne den Stücken entsprechend umzubauen, sondern jeweils auch die Bauten des Zuschauerfoyers, scheitert an den finanziellen Möglichkeiten. Immer wieder werden die Volksschauspiele vor enormen Geldproblemen stehen. Diese können zuweilen nur gelöst werden, indem Saier und seine engsten Mitstreiter mit ihrem Privatbesitz für den Verein bürgen.

Auch in der realen Schweiz entsteht 1895 ein Bauwerk, dessen Finanzierung zunächst erhebliche Schwierigkeiten macht: „Die Gabensammlung ist seit geraumer Zeit bedenklich ins Stocken geraten, und wir dürfen keineswegs hoffen, dass sie neuen Aufschwung nehme“, schreibt am 18.01.1892 der für die Spendenakquise Verantwortliche. Dennoch wird das künstlerische Großprojekt umgesetzt: Es ist das weltberühmte Telldenkmal von Altdorf.

(Markus Wild-Schauber)

Besucheranreise per Sonderzug.

Überfüllter Bahnübergang.

Kassengebäude und Haupteingang, 20er-Jahre.

Bewirtung im Zuschauerfoyer, 20er-Jahre.

Fremdenzimmer Hotel „Tell“, 1912.