TELL me! (3)

„Herr Pfarrer Saier gab seiner Genugtuung über die an den Tag gelegte Einmütigkeit der Versammlung Ausdruck und forderte hierauf die anwesenden Männer und Jünglinge auf, sie möchten nun alle ohne Ausnahme dem neugegründeten Verein beitreten. Seiner Aufforderung zum Beitritt kamen sofort 90 der Anwesenden dadurch nach, dass sie ihre Namen in die aufgelegten Listen eintrugen.

Herr Hauptlehrer Harbrecht feuerte die Anwesenden durch eine begeisternde Ansprache an zu tatkräftiger erfolgreicher Mitarbeit. Er ließ seine mit Beifall aufgenommene Rede ausklingen mit den Worten: ‚Seid einig, einig, einig.'“

(Protokoll der 1. Generalversammlung)

Donnerstag, 27. April 1911, 22.30 Uhr, Gasthaus zur „Sonne“. Soeben hat sich der Verein „Volksschauspiel Ötigheim e.V.“ offiziell gegründet. Knapp eine Woche später wählen die Mitglieder vier Vorstände. Darunter, auf Vorschlag Josef Saiers, die Vorsitzenden der beiden Männergesangsvereine.

Das ist mehr als eine symbolische Geste. Pfarrer Saier möchte die Dorfgemeinschaft zusammenführen. Den Zusammenhalt im Ort durch ein gemeinsames großes Ziel festigen.

Am 22. Mai 1911 berichtet der „Schwäbische Merkur“:

„Die Rollenbesetzung war ungefähr die gleiche wie vorigen Jahres, aber die Chöre und Massenszenen sind (…) beinahe auf das Doppelte verstärkt. Die beiden Gesangsvereine des Orts, die sich vorigen Jahres nicht einigen konnten, wirken jetzt beide mit.“

Mit den beiden Ötigheimer Männerchören stoßen zwei Klangkörper zum Ensemble, die zu den besten in ganz Baden zählen. Auch Ötigheims Reiter und Musiker bindet Saier von Anfang an in seine „Tell“-Inszenierung ein. Alle sollen dabei sein.

Das Leben der Menschen jener Zeit ist hart. Ötigheim ist ein Dorf von Kleinbauern. Kaum jemand hat mehr als ein, zwei Kühe im Stall. Die Ärmsten oft nur eine Ziege. 200 bis 300 Fabrikarbeiter, etwa 50 Eisenbahn- und 50 Telegrafenarbeiter, ein paar Handwerker. Der Großteil der 2200 Einwohner lebt von der Landwirtschaft. An den Besuch von weiterführenden Schulen ist nicht zu denken. An Urlaub schon gar nicht.

Und dennoch, oder vielleicht auch gerade deshalb, folgen die Menschen Pfarrers Saiers Werben. Spannen, wenn endlich Feierabend ist, nochmals die Kühe an. Schleppen Steine, um die Schweizer Alpen zu bauen. Graben den Vierwaldstättersee in Ötigheims Kies. Nähen ihre Kostüme, lernen Texte und Chöre. Proben ab Weihnachten allabendlich mit ihrem Pfarrer Schillers „Tell“. Sie haben einen gemeinsamen Traum.

1911 besuchen 80.000 Gäste die „Tell“-Aufführungen. 1913 sind es 100.000. Auch die Zahl der Mitwirkenden steigt an: Bei den Tell-Produktionen der Jahre 1927 bis 1933 stehen 800 (!) Darsteller auf der Bühne. Der Chor singt mit 450 Stimmen!

Wen wundert es da noch, dass nicht nur die Berliner Hauptstadtpresse über Ötigheim berichtet, sondern selbst Zeitungen in New York.

Die Hauptdarsteller der Anfangsjahre sind vielen Ötigheimern noch vertraut. Hirschwirt Josef Kölmel als „Geßler“ etwa. Emilie Kölmel als Tells Gattin, Lina Drexler geb. Weingärtner in der Rolle der „Berta von Bruneck“. Oder Karl Bretzinger als „Melchtal“. Wir lesen ihre Namen in alten Programmheften, Zeitungsartikeln und Festschriften. Wir sehen sie auf Postkarten, wenn wir im Internet nach „Tell“ und „Ötigheim“ googeln.

Die meisten Mitspieler aber sind zu Namenlosen geworden. Auch sie verdienen ein Denkmal. Gerade sie! Denn selbst bei noch so ausgefeilten Einzelleistungen hängt das Überleben der Volksschauspiele davon ab, dass sehr viele Menschen gemeinsam anpacken und die Bühne mit ihren Auftritten, mit ihrem Gesang und Tanz beleben. Und so den Traum bewahren.

(Markus Wild-Schauber)

Josef Saier, 1912/13.

Apfelschuss „Tell“, 1932/33.

Schlussbild „Tell“, 1920/21.

Reiter „Tell“, 1910.

Hochzeitszug „Tell“ mit Blasmusik, 1920/21.