TELL me! (2)

2020 erinnern Ötigheim und seine Volksschauspiele an ein denkwürdiges Jahr: 1910 katapultiert die Inszenierung des Schauspiels „Wilhelm Tell“ unsere Gemeinde unversehens ins Licht der Öffentlichkeit. Die gesamte deutsche Presse druckt lobende Besprechungen. Große belgische, französische, dänische, österreichische, italienische und amerikanische Zeitungen berichten begeistert über unseren Ort. Ötigheim wird zum Telldorf.

Sonderzüge rollen an. Aus 6 geplanten Aufführungen werden 16. Die Darsteller erweitern den Zuschauerraum von 1500 auf 2000 Sitzplätze. Es reicht nicht aus. 40.000 Besucher sind es am Ende, 2500 pro Aufführung. Und viele werden abgewiesen.

Dass das badische Großherzogpaar samt Thronfolger und Ministern die Aufführung besucht, danach sogar längere Zeit bei Pfarrer Saier und seinen Spielern verweilt, ist sicher auch als politisches Signal zu verstehen. Denn der erste Versuch, in Ötigheim ein Freilichttheater zu etablieren, scheitert 1906/7 unter anderem an der großherzoglichen Verwaltung.

Ein Protokoll der Sitzung des Badischen Landtags vom 25.02.1908 gibt uns Auskunft:

„In Ötigheim hat sich unter der Leitung des dortigen Pfarrers ein Verein gebildet, welcher Theateraufführungen veranstaltet, ein edles Vergnügen, das dem Volke eine angenehme Unterhaltung und zugleich Belehrung bietet. Es ist nun darüber geklagt worden, dass diesen Theateraufführungen (…) vom Bezirksamt im Anfang Schwierigkeiten über Schwierigkeiten in den Weg gelegt worden sind. Man hat zunächst den Text einverlangt, hat ihn einer hochnotpeinlichen Zensur unterzogen, und wenn man schließlich auch nichts Staatsgefährliches darin gefunden hat, so wurde die Aufführung doch nur für einen oder zwei Sonntage gestattet. Später ist es dann gelungen, die Zustimmung zu einer fünfmaligen Aufführung zu bekommen. Man sollte doch diesen Versuch, an die Stelle des Wirtshausbesuches eine edlere Unterhaltung zu setzen, eher fördern und erleichtern.“

Das Jahr 1910 markiert also einen Wendepunkt: Pfarrer Saier findet mit „Wilhelm Tell“ ein Stück, das ideal zu den örtlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten seines Ensembles passt. Ein Bühnenbild, in dem Natur und Kulisse zu einer Einheit verschmelzen, authentische Darsteller, Massenszenen, Chöre, Tänze, Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen – so wirklichkeitsnah und gleichzeitig kunstvoll inszeniert, hat man den Tell zuvor in keinem Theater gesehen. Ötigheim wird deutschlandweit und international bekannt. Die wirtschaftliche Situation verbessert sich – für den ganzen Ort. Die Volksschauspiele gewinnen politischen Rückhalt, auch innerörtlich. In dem Bürgermeister Hornung besitzt er (Pfarrer Saier) einen trefflichen Bundesgenossen für seine schönen Bestrebungen“, schreibt das Karlsruher Tagblatt am 28.06.1910. „Was Oetigheim bietet, muß und wird allseitige Anerkennung und Zuspruch finden.

(Markus Wild-Schauber)

Bürgermeister Hornung und Pfarrer Saier begrüßen das badische Großherzogspaar, 1910.

Geßlers Tod, 1910.

Chor „Hör uns“ vor überfülltem Zuschauerraum, 1910.

Almabtrieb, 1910.

Tellfamilie, 1910.