TELL me! (19)

Am Freitag wird Winfried Kretschmann das Telldenkmal der Volksschauspiele enthüllen. Dass der Ministerpräsident unsere Gemeinde besucht, ist eine große Auszeichnung für ganz Ötigheim! Kretschmanns Vorgänger Günther Oettinger, Erwin Teufel, Lothar Späth und der Badische Staatspräsident Leo Wohleb beehrten ebenfalls einst unseren Ort.

Der Startpunkt dieser bemerkenswerten Reihe liegt noch weiter zurück: Ganz Ötigheim ist auf den Beinen, als sich am 10. Juli 1910 das badische Großherzogspaar und Prinz Max von Baden zum Besuch ansagen. Mehrere historische Quellen informieren über den Ablauf dieses Festtages:

„Besuch des Gottesdienstes in Gernsbach, nachmittags der Volksschauspiele in Ötigheim“, vermerkt das großherzogliche Hoftagebuch von Schloss Eberstein. „Unter Böllerschüssen fuhr das Automobil der hohen Herrschaften vor dem Naturtheater vor. Nachdem der Großherzog die Front der Vereine abgeschritten hatte, wurde er vom Komitee in die Festloge geleitet, begrüßt von den Hochrufen der Anwesenden“, berichtet die „Badische Presse“.

Unter den Zuschauern ist zufällig ein Reporter der humoristischen Zeitschrift „D´r alt Offeburger“. Sein Bericht, wenn auch nichts staatstragend, bereitet bis heute Lesevergnügen: „Letschte Sunndig haw i denkt, jetz fahrsch uff Ötigheim, um z‘ luege un z‘ horche, wiä d‘ Unnerländer Bure unserm Schiller si Schauschpiel ‚Wilhelm Tell‘ uffüehre; es sinn jo an alle Bahnhöf Zedel angschlage. D‘ ganz Gegend um Raschtatt hett e guet’s Renommee durch selli mehligi großi Erdäpfel, wo dert wagse; dass awer selli Bure in eim vun denne Grumbeeredörfer (Ötigheim heißt dess Elderado) au noch famosi Schauschpieler sinn, dess weiß mr erscht, sitt si dr ‚Wilhelm Tell‘ vum Schiller schpiele un alli Welt drzu inlade. Am Sunndig bin i dert gsien. Wiä nett: Dr prächtig Schpielplatz im Wald, e hoher Rain für d Sitzplätz, wiä’s d‘ alti Griäche un Römer ghett henn, famosi Dekoratsjone, diä d‘ Gletscher, dr Viärwaldschtädtersee, d Rüetlimatt un d‘ Schwizerhüser vorschtelle. Mit e bisli Fandasie kinnt mi meine, mr sei in dr Küßnachter Mordsgegend. E paar Dausend Mensche hocke uff denne Bänk, dodrunter dr Großherzog un dr Prinz Maz; alli basse drei Schtund lang müsligschtill uff, wie d‘ Häftlimacher. Für die hochi Herrschafte isch es ganz gsund gsien, emol d‘ Schillerische Freiheitsgedanke ohni Abkürzunge, wie si in de Hofthiater vorkumme, uss echte Burekehle z‘ höre un e echts Volkslewe z‘ sehn. Echter als vun de Chorischte im Hofthiater. Dunderwetter, wie henn diä Littli (so an de zweihundert) sich in d‘ Schauschpielerei nieng‘lebt; sogar alli drißig Rösser, wo mitmache sinn nitt uss dr Roll gfalle un betrage sich anschtändig vor em Bublikum. Dess hett Brawo griefe un in d‘ Händ batscht, was Zieg ghalte hett.“

Bei der „Karlsruher Zeitung“ erfahren wir: „Als am Schlusse sämtliche Mitwirkende den großen Spielraum füllten und mit dem Gesang der Fürstenhymne den großherzoglichen Herrschaften eine spontane Huldigung brachten, stimmte die ganze große Zuhörerschaft begeistert in dieselbe und das sich anschließende Hoch ein.“ Besondere Erwähnung findet, dass sich die adeligen Gäste im Anschluss noch Zeit nahmen, um persönlich mit den Mitwirkenden und Pfarrer Saier zu sprechen. Der „Badischen Presse“ gibt der Monarch zu Protokoll: „Das Wichtigste an den Aufführungen ist meines Erachtens nach der hohe moralische Einfluss, den derartige Vorstellungen auf Studierte und einfache Landleute ausüben. Die Mitwirkenden selbst werden die ganze Tiefe des großen Dichters in sich verspüren. Von alltäglichen Vergnügungen abgelenkt, erleben sie hier einen hohen Genuss.“ Friedrich II. verabschiedet sich mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen auch für die Zukunft volle Befriedigung.“

Notabel ist sicher noch, dass der Großherzog dem Darsteller des Melchtal, Karl Bretzinger, anbot, ein Schauspielstudium zu finanzieren. Und als Tellknabe Friedrich Maier erkrankte, entsandte man aus Karlsruhe eine Hofdame, die dem kleinen Patienten ein Geschenk und die Genesungswünsche Friedrichs II. überbrachte. Und unsere Vorfahren? Sie ließen sich nicht lumpen und führten im September 1910 ein Festspiel zur Silberhochzeit des großherzoglichen Paares auf.

Im Archiv der Volksschauspiele findet sich übrigens aus jener Zeit auch ein Einladungsschreiben an den deutschen Kaiser! Er ist wohl nicht gekommen. Ministerpräsident Kretschmann gibt Ötigheim am Freitag, 3. Juni 2022, 17.30 Uhr die Ehre. Die Bevölkerung ist herzlich eingeladen. Der Musikverein wird die Enthüllung des Telldenkmals festlich umrahmen. Seien Sie dabei! (Markus Wild-Schauber)

10.7.1910: Besuch des badischen Staatsoberhauptes. Neben dem Großherzog: Bürgermeister Hornung. Neben Prinz Max: Pfarrer Saier.

Festspiel zur Silberhochzeit des großherzoglichen Paares Friedrich II. und Hilda, 1910.

Badischer Staatspräsident Wohleb und Pfarrer Saier, Anfang der 50er Jahre.