TELL me! (18)

„Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel ‚Wilhelm Tell‘ nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht mehr behandelt wird.“ Mit einem Geheimbefehl lässt Adolf Hitler am 3. Juni 1941 durch Martin Bormann Schillers „Tell“ verbieten.

Ein aufschlussreicher Wandel. Denn zunächst ist „Wilhelm Tell“ als „National- und Führerdrama“ bei der nationalsozialistischen Bewegung hochgeschätzt. Die Befreiung der Schweiz wird mit der „Befreiung“ Deutschlands gleichgesetzt. Tell gilt als Führerfigur, die Hitler vorwegnimmt.

Doch schon 1936 kommen offenbar Zweifel auf: Am neuerbauten „Haus der Schweiz“ in Berlin, prominent Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden gelegen, darf als Telldenkmal nur der Tellknabe dargestellt werden. Fürchtet man in der Hauptstadt Tell schon als Ikone des Tyrannenmords?

Vor diesem Hintergrund ist interessant, dass in Ötigheim 1939 „Wilhelm Tell“ noch auf dem Spielplan erscheint. Allerdings unter schwierigsten Bedingungen. Seit 1934 sind die Volksschauspiele durch die Reichstheaterkammer verpflichtet, professionelle Kräfte zu beschäftigen: Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Choreographen, Musiker. Dies führt selbstredend zu Verbesserungen bei der Qualität. Das Repertoire erweitert sich. Wirtschaftlich ist es kaum zu stemmen. Als 1938 dann unerwartet die Sonderzüge gesperrt werden, die im Rahmen des nationalsozialistischen „Kraft durch Freude“-Programmes Tausende Besucher nach Ötigheim bringen sollten, stehen die Volksschauspiele vor dem Ruin. 56.000 Reichsmark betragen die Schulden inzwischen. Die Satzung wird geändert. Die Leitung des Vereins wechselt vom Pfarrhaus ins Rathaus. Das Volksschauspiel sei jetzt „eine reine Ötigheimer Angelegenheit, die dadurch zum Ausdruck kommt, dass die Gemeinde Ötigheim als solche Mitglied und der jeweilige Bürgermeister von Ötigheim Vereinsführer ist“, vermerkt das Protokoll der Generalversammlung vom 25.9.1938. Pfarrer Saier behält die künstlerische Gesamtleitung.

Um 1939 überhaupt spielen zu können, muss radikal gespart werden. Insbesondere bei den professionellen Kräften sucht der Finanzausschuss den Rotstift anzusetzen. Das aber ist mit Berlin nicht zu machen. Am 3. Januar 1939 schreibt die Reichtstheaterkammer: „Es ist selbstverständlich, dass die als Solisten auftretenden Darsteller nur (…) Berufsschauspieler sind. (…) Krassen Dilettantismus – und darunter verstehe ich die Aufführung des „Wilhelm Tell“ mit Laien, dulde ich auf kulturpolitischem Gebiet nicht.“

Irgendwie muss es gelungen sein, am Ende doch noch die notwendigen finanziellen Mittel für die professionellen Kräfte zu beschaffen und die Genehmigung der Kulturbehörden zu erhalten. In seiner Rede zur Eröffnung der Saison interpretiert „Gaukulturstellenleiter“ Heiner Strähle mit Bezug auf „Wilhelm Tell“, dass das Sehnen nach Freiheit alle Menschen erfülle und es sich gerade am deutschen Volk erweise, dass dem Mutigen die Welt gehöre. Einige Wochen später greift Hitler Polen an. Die Aufführungen werden eingestellt, der Zweite Weltkrieg hat begonnen.

Wie kaum ein anderes deutschsprachiges Bühnenwerk wurde Schillers „Tell“ seit jeher politisch vereinnahmt. Ein stetiger Wechsel zwischen Verbot und Wiederaufnahme zieht sich durch die Rezeptionsgeschichte. Walter Muschg schreibt, wir hätten „schon deshalb Ursache (den Tell) hochzuhalten, weil er noch immer zuerst verboten wird, wenn irgendwo die Freiheit eines Volkes unterdrückt werden soll, und man zuerst ihn wieder spielt, wenn die Befreiung gelungen ist.“

Die Enthüllung des Ötigheimer Telldenkmals findet am 3. Juni 2022, 17.30 Uhr statt. Die Bevölkerung ist herzlich eingeladen. (Markus Wild-Schauber)

Telldenkmal in Berlin von 1936. Foto: Cherubino

Programmheft der Volksschauspiele von 1939.