TELL me! (11)

Theater ist eine flüchtige Kunstform. Von den Anfängen der Volksschauspiele erzählen heute nur Fotos und Texte. Beinahe wäre es anders gekommen. Denn Pfarrer Saier plant bereits 1921, Ötigheim ins Kino zu bringen.

Am 12.8.1921 schließt der Gründer der Volksschauspiele einen Vertrag mit der „Express-Films Co. G.m.b.H.“ und dem Kaufmann Bernhard Gotthart aus Freiburg. Ziel: Herstellung eines „kinematographischen Films“ von Schillers „Wilhelm Tell“. Bis 15. Oktober 1921 sollen die Dreharbeiten abgeschlossen sein.

Freiburg ist damals das badische Hollywood. Gotthart Dreh- und Angelpunkt der aufblühenden Filmindustrie.

Saier sagt zu, Kulissen, Kostüme, Requisiten und Musik zur Verfügung zu stellen. Ferner 15 Hauptdarsteller, bis zu 800 Statisten, 20 Pferde und 30 Stück Vieh. Gotthart verpflichtet sich, dafür 50.000 Mark Gage zu zahlen. Und 300.000 Mark für das Filmrohmaterial, das Filmteam, für Werbung und Vertrieb zu beschaffen. An den Einnahmen aus der Verwertung des Films sind die Volksschauspiele vertraglich zu 40% beteiligt.

Die Zusammenarbeit mit der „Express-Films“-Gesellschaft ist auf Dauer ausgelegt. Bis Ende 1925 sollen alle Produktionen der Volksschauspiele für die Leinwand adaptiert werden.

Auch die 1921 in Baden-Oos gegründete „Südwestdeutsche Landlichtspielgesellschaft m.b.H.“ klopft bei Saier an. Ziel sei „der Kampf gegen das Eindringen des Schundfilms auf dem Lande und gegen die Landflucht durch Gewährung einwandfreier Lichtbildkunst, die die Liebe zur eigenen Scholle und den Sinn für Naturschönheit bei der Landbevölkerung stärken soll, um dabei gleichzeitig eine gesunde Art von Zerstreuung zu bieten.“

Warum sich Saier für die „Express-Films“-Gesellschaft und Gotthart entscheidet, können wir nur vermuten: 1921 stampft Gotthart auf einem vier Hektar großen Areal in Freiburg eine Freilichtbühne aus dem Boden. In allen Belangen doppelt so groß wie Ötigheim. Es ist, laut Werbung, „die größte Freilichtbühne der Welt“. Geboten wird das Passionsspiel der fahrenden Schauspieltruppe der Brüder Adolf und Georg Fassnacht – mit Unterstützung von 1500 Statisten aus Freiburg. Und die „Express-Films“ ist es, die diese Produktion unter dem Titel „Der Galliläer“ monumental verfilmt und international vermarktet. Vielleicht vertraut Saier dieser Expertise. Dass das Freiburger Projekt ihn künstlerisch beeindruckt, steht außer Frage. Denn 1925 und 1926 realisiert er mit den Brüdern Fassnacht in Ötigheim eine Neuauflage ihres Passionsspiels.

Nicht immer ist künstlerischem Erfolg auch ein finanzieller beschieden. „Der Galliläer“ (übrigens seit 1996 auf DVD erhältlich!) spielt an den Kinokassen zunächst deutlich weniger ein als Gotthart erhofft. Und die Freiburger Passionsspiele gehen, nach einem schwachen Start 1921, bereits 1922 pleite. Das könnte der Grund sein, warum das Ötigheimer Filmprojekt nicht verwirklicht wird. Es fehlt schlicht das Geld.

So ist es auch 1951, als der Gründer der Volksschauspiele nochmals davon träumt, den Ötigheimer „Wilhelm Tell“ ins Kino zu bringen. Die Jahrs zuvor realisierte Verfilmung seiner „Passion“ hat den Verein und Saier persönlich in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht.

Dass es in Ötigheim dennoch für Jahrzehnte Kino gab, ist ein Teil der Volksschauspiel-Geschichte, der in Veröffentlichungen bisher weitgehend unbeachtet geblieben ist. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eröffnet Saier die „Tell-Lichtspiele“ im aus Einnahmen des Vereins erbauten Gemeindehaus (heute Rathaus). Für deren Betrieb setzt er das ihm zur Verfügung stehende Personal ein: Pfarrhaushälterin Maria Zahn („Pfarr-Marie“) sitzt an der Kasse, Volksschauspiel-Geschäftsführer Alfred Kühn ist Filmvorführer.

Einige Relikte haben sich aus dieser Zeit erhalten. Filmkalender und -zeitschriften, Plakate und sonstige Werbematerialien von Ufa und Tobis, amtliche Meldebögen. Aber auch eine Schellackplatte, die an dunkelste Zeiten erinnert: „Es ist Fliegeralarm! Bitte suchen Sie den Schutzraum auf!“, warnt ein Sprecher die Kinobesucher.

Glücklicherweise werden die „Tell-Lichtspiele“ nie von Bomben getroffen. Die französische Armee vernichtet beim Einmarsch nur die vorgefundenen Filme. Zelluloid verbrennt explosionsartig. Die Franzosen werfen die Filmrollen über die Bäume am Gemeindeplatz und zünden sie an. Was danach noch an Spulen und Filmstreifen auf dem Rasen liegt, dient manchem Ötigheimer Jungen als (brandgefährliches) Spielzeug.

Nach dem Krieg öffnen die „Tell-Lichtspiele“ nochmals für einige Jahre ihre Pforten. Dann ziehen sich die Volksschauspiele zurück und im Saal des Gasthauses „Sonne“ macht ein privat betriebenes Kino auf.

Gibt es von den ruhmreichen Anfangsjahren der Volksschauspiele also keine Filmaufnahmen? Eine kleine Hoffnung bleibt: Am 5. Mai 1927 hält Regierungsrat Matthias Kühn vom Reichsarbeitsministerium beim „Verein der Badener zu Berlin“ eine Rede über die Bedeutung des Volksschauspiels im Allgemeinen, besonders aber des Volksschauspiels Ötigheim. 1910 war er, damals noch Jura-Student in Freiburg, Ötigheims erster „Stauffacher“-Darsteller bei „Wilhelm Tell“. Im Anschluss an seinen Vortrag führt Kühn den Dokumentarfilm „Deutsche Heimatspiele“ vor. Eine Leihgabe des Dachverbandes „Bühnenvolksbund e.V.“., bei dem die Volksschausspiele Ötigheim Mitglied sind. Im Bundesfilmarchiv Berlin hat sich eine Kopie von „Deutsche Heimatspiele“ erhalten. Ob wir vielleicht ein paar Minuten Ötigheimer „Wilhelm Tell“ in diesem Werk entdecken? Wir haben Kontakt aufgenommen.

(Markus Wild-Schauber)

Werbematerialien der „Tell-Lichtspiele“.

Alfred Kühn, Volksschauspiel-Geschäftsführer und Filmvorführer der „Tell-Lichtspiele“.

Matthias Kühn als „Stauffacher“, 1910.