Badische Neueste Nachrichten, 6. Februar 2017

Zwei Otello geistern durchs Hotel

Alle neun Aufführungen ausverkauft: Das muss man erst mal schaffen. Mit der witzig-spritzigen Boulevardkomödie Otello darf nicht platzen ist den Volksschauspielen Ötigheim dieses Kunststück gelungen. Hannes Beckert landete zur Eröffnung des Theaterjahrs 2018 am Freitagabend in der kleinen Bühne einen Volltreffer. Seine flotte und launige, aber nie in Richtung Klamauk abdriftende Inszenierung des Tür-auf-Tür-zu-Lustspiels von US-Dramatiker Ken Ludwig schlug ein wie eine Bombe. An schlagfertigen Dialogen und umwerfender Situations- und Verwechslungskomik, gewürzt mit eingebauten Gags wie Merkels Wir schaffen das!, herrschte in der kurzweiligen Farce über Starkult und Theaterwahnsinn kein Mangel. Am Ende gab’s tosenden Applaus und Ovationen.
Mehr als zwei Stunden lang flitzten die spielfreudigen Darsteller als liebevoll-skurril gezeichnete Typen durch die aberwitzige Handlung und zeigten sich dabei in Topform – die jungen Füchse genauso wie die alten Hasen. Was gibt’s auch Schöneres als das eigene Metier, die Bretter, die die Welt bedeuten, auf die Schippe zu nehmen. Michael Lerner baute das dazu passende Bühnenbild: ein zweiteiliges Interieur in Braun- und Beigetönen mit vielen Holztüren und freiem Blick auf den Wohn- und Schlafbereich einer noblen Hotelsuite. Dort warten Operndirektor Saunders und Assistent Max ungeduldig auf die Ankunft des weltberühmten Opernsängers Tito Merelli, der am Abend im Opernhaus Cleveland ein Gastspiel als Titelheld in Verdis Otello geben will. Doch der Startenor verspätet sich. Als er schließlich eintrifft, fühlt er sich unwohl, ist müde, hat zu viel gegessen, zu viel getrunken und auch noch Krach mit der eifersüchtigen Gattin. Er verweigert die Generalprobe, versinkt wenig später in einen Tiefschlaf und wird für tot gehalten. Zuvor hatte er auf dem Bett den Abschiedsbrief seiner Gemahlin entdeckt. Sie hat ihn verlassen. Es scheint, als habe er sich mit einem Rotwein-Pillen-Cocktail ins Jenseits befördert. Die Opernaufführung droht zu platzen. Impressario Saunders tobt. Da wittert Max seine große Chance. Schon lange träumt des Direktors rechte Hand von einer Karriere als Sänger und bietet sich als Ersatz an. Doch kaum ist er als falscher Mohr von Venedig in Richtung Bühne unterwegs, erwacht der scheintote Merelli, wirft sich ins Kostüm und versucht ins Opernhaus einzudringen, wo Max gerade seinen Mega-Erfolg feiert. Nach der Vorstellung geistern plötzlich zwei Otellos, schwarz geschminkt und im roten Kostüm, durchs Hotel. Ein heilloses Durcheinander beginnt, doch am Ende wird natürlich alles gut.
Köstlich, wie Paul Hug als kleiner, runder, bärtiger Stupende Merelli mit großen Gesten und italienischem Akzent den eitlen, aber warmherzigen Bühnenstar und Weiberhelden gibt und dabei virtuos alle Tenor-Klischees bedient. Herrlich komödiantisch spielt Tobias Kleinhans den passionierten Hobbytenor Max, der als gefeierter Otello vom graumäusig-devoten Mädchen für alles zur herrlich-hinreißenden Diva mit Starallüren mutiert. Anna Beckert verzückt in der Rolle der bezaubernd-koketten und eigenwilligen Impressario-Tochter Maggie, deren Weg vom erträumten Abenteuer mit dem Startenor in die Arme von Max führt. Perfekt wird das Chaos durch den ruhmsüchtig-selbstherrlichen, immer nervöser werdenden Operndirektor Saunders (grandios: Kurt Tüg). Temperamentvoll-impulsiv spielt Lissi Hatz (im Wechsel mit Isabel Beckert) Merellis eifersüchtige Gattin. In weiteren Rollen gefallen Lukas Tüg als musikaffiner, stets neugieriger Hotelpage, Anna Hug, die mit einer Prise Verruchtheit die karrieregeile Opernsängerin Diana verkörpert, und Petra von Rotberg als Julia, die reichlich überdrehte Vorsitzende der Operngilde. (Ralf Joachim Kraft)

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