Badisches Tagblatt, 19. April 2017

Zeitdruck, Herzblut und Schaffenlust

Der Tellplatz ist am Ostermontag offiziell aus dem Winterschlaf erwacht. Die traditionelle erste Volksprobe der Volksschauspiele Ötigheim versammelte etliche Aktive im Zuschauerraum von Deutschlands größter Freilichtbühne. Trotz eisigen Winds und kalten Regens lag eine fiebrige Energie in der Luft, eine von Schaffenslust befeuerte Vorfreude auf den Theatersommer, in dem das Schauspiel Luther elfmal auf dem Spielplan steht.

Mit heißer Nadel sah sich Regisseurin Rebekka Stanzel am Werk, denn die Proben sind mächtig in Zeitverzug. Autor Felix Mitterer hatte im August seinen Text für die Aufführung vorgelegt. Die stark filmisch angelegte Vorlage ist auf der Freilichtbühne nicht gut umsetzbar, deshalb habe ich das Textbuch überarbeitet, informierte Stanzel, die vor vier Jahren Der Name der Rose auf dem Tellplatz inszenierte.

An Weihnachten lag ihre Luther-Adaption vor, im Februar begannen die Leseproben für das auf eine Dauer von drei Stunden angesetzte Spiel. Stanzel hat dabei die komplette Nutzung der Bühne im Breitbildformat mit dem Charme, in der freien Natur zu sein im Blick.

Da in diesem Jahr fast überall etwas um die Figur des Luther geschieht, will Stanzel in Ötigheim nicht die Geschichte der Reformation erzählen. Mir geht es darum, was für ein Typ Luther war.

Die Inszenierung greift 20 Jahre aus seinem Leben heraus. Wir beginnen mit Luthers Eintritt ins Kloster und enden 1525 mit der letzten Schlacht des Bauernkriegs am Kyffhäuser; dabei verändert sich sein Charakter von tiefer Zerrissenheit und Unsicherheit bis zur Arroganz.

Dargestellt wird Luther von dem hauptberuflich tätigen Berner Mimen Simon Grossenbacher. Unter Peter Lüdi war der Schweizer Schauspieler von 1996 bis 1998 am Theater in Baden-Baden engagiert. Mit Stanzel arbeitete er 1999 in Mannheim. Alle weiteren Personen sind mit bekannten Namen aus den Reihen der Volksschauspiele besetzt.

Seit Anfang März proben die Rollenträger auf dem Tellplatz. Wir sind extrem unter Zeitdruck, sagte Stanzel. Angst mache ihr dieser Umstand nicht: Der große Chor hält sich mit der anspruchsvollen Musik von Hans Peter Reutter hervorragend; die Arbeit mit dem musikalischen Leiter Ulrich Wagner macht sehr viel Spaß.

Die Inszenierung leite die Regisseurin mit einer Mischung aus Wegführung und Annahme von Ideen seitens der Akteure. Die Arbeit mit den Laien empfindet Stanzel als große Herausforderung, aber: Was an Schauspielerfahrung in Ötigheim fehlt, gleicht das Herzblut aus.

Mit dabei sind selbstredend Ballett und Reiterei. Wir haben in diesem Sommer die große Möglichkeit für viele Volksszenen mit enormer Masse, um das mittelalterliche Leben in voller Bandbreite darzustellen, schwärmt Regisseurin Stanzel.

Die Volksprobe geriet deshalb zu einer Rollenverteilung. Vor dem Hintergrund der wehrhaften Trutzburg wurden Mitglieder aus Chor und Statisterie in Mehrfachrollen festgelegt als Handwerker, Studenten, Bauern, Mönche, Nonnen, streunende Kinder, Bettler, Huren, Wegelagerer, Gaukler, Hütejungen, Landsknechte, Wachen, Adlige und ärmliche Familien. (Manuela Behrendt)

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