Badisches Tagblatt, 1. April 2015

Windschnittige Besen sausen über Tellplatz

Schneckenfett und Schlangengift als verschönende Beautyprodukte hatte die missgünstig keckernde und schrill lachende Gruppe von Wetter-, Sumpf-, Feld-, Kräuter-, Wald- und Rollatorhexen am Montagabend auf dem Tellplatz noch nicht aufgelegt. In wärmenden Alltagsklamotten probten die Darsteller für das Kinderstück Die kleine Hexe im scharfen Wind auf der Freilichtbühne.

Zur Auflockerung für die Szene, in der die Titelgeberin der Geschichte von Ottfried Preußler vor dem Hexengericht ihre Fähigkeiten beweisen muss, ließ Regisseur Matthias Götz seine Akteure besenschwingend über den Platz spazieren. Windschnittig sahen die Hexenflitzer aus, erinnerten an Harry Potter und seinen Feuerblitz.

Der abendliche Probenplan sah einen Hexentanz vor. Wir sind mit dem Tanz erst bei Stufe zwei ohne Gesang; bei Stufe drei singen alle ein tolles Lied dazu, verriet Götz. Der Regisseur ist ein Kind der Tellgemeinde, stand als Achtjähriger erstmals auf der großen Freilichtbühne, wo er 40 Jahre später mit Die kleine Hexe seine zweite Tellplatzinszenierung nach Schneewittchen (2007) abliefert. Auf die Kleinen Bühne brachte er Das Haus in Montevideo (2006) und Lysistrata (2012). Sein Regiedebüt im gemütlichen Wohnzimmertheater in der Kirchstraße gab er im Jahr 2000 ebenfalls mit den Abenteuern der jungen Hexe, deren Traum es ist, mit den großen Hexen in der Walpurgisnacht um den Blocksberg zu tanzen.

Mitte Januar begannen Götz, 40 Rollenträger und rund 50 Statisten mit Einzelproben im neuen Tellplatz-Casino, um Typen und Charaktere festzulegen. Mit von der Partie ist ebenfalls Hund Lucy. Der tierische Darsteller des Ochsen Korbinian wird noch gesucht.

Nach der Rollenidentifikation ging es an die szenische Arbeit. Am 13. März fand die erste Probe auf der Freilichtbühne statt. Durch den frühen Probenbeginn ist die Hälfte der benötigten Arbeit für Die kleine Hexe bereits erledigt. So können wir es im April und Mai etwas lockerer angehen lassen, um nach dem Start des Hauptstücks ab Mitte Juni wieder Gas zu geben, damit wir am 11. Juli eine tolle Premiere abliefern können.

Götz hat eine Familieninszenierung im Visier, die so auf die Bühne kommen soll, wie man sich die Geschichte beim Lesen des Buchs vorstellt. Leicht machte er es sich am Montagabend nicht. Akribisch formte er die Szene, spaltete Haare, feilte die Enden glatt, demonstrierte humorvoll Verbesserungen, motivierte die Darsteller zu intensivem Spiel. Bei aller Präzision kam der Spaß bei den Beteiligten nicht zu kurz. Die erarbeitete Szene machte gewaltigen Appetit auf das fertige Stück, in dem die als Hexen geschminkten Darsteller vor passender Kulisse im Kostümbild von Ulrike Weßbecher, die als Muhme Rumpumpel zu sehen ist, agieren.

Weßbecher entstammt ebenfalls den Reihen der VSÖ, ist seit ihrem zwölften Lebensjahr mit dabei. Hauptberuflich hat sie nichts mit Kostümdesign am Hut. Ich male, zeichne und entwerfe gern, sagte sie schlicht. Dass sie jemals das Kostümbild auf der Freilichtbühne verantworten werde, kam mir nie in den Sinn. Götz zeigte sich von Weßbechers Können überzeugt: Insbesondere bei den Hexen war sehr viel Kreativität gefragt.

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