Badisches Tagblatt, 3. Mai 2016

Wege zum Zauber des Textes

Stückwerk war der Titel einer faszinierenden Präsentation, die auf der Kleinen Bühne zu erleben war. Vor dem Hintergrund eines Schauspielvereins lässt das mottogebende Wort viele Interpretationen zu. Der Duden ist rigoros, nennt als Synonyme: Fragment, Flickwerk, Chaos.

Chaos assoziierte der interessierte, unwissende Laie mit dem Einblick, den Staatsschauspieler Sebastian Kreutz im Herbst in seine Arbeit als Sprach- und Stimmcoach der Nachwuchsdarsteller bei den Volksschauspielen Ötigheim (VSÖ) zuließ. Da wurde viel gelacht und gekichert, der Gemeinschaftssinn stand im Vordergrund. In spielerischer Form sollte den jungen Workshopteilnehmern durch Kreutz ein Unterricht zuteil werden, der es ihnen später erleichtert oder überhaupt erst möglich macht, auf der großen Bühne sprachlich zu bestehen.

Nach Kreutz Aussage war es diese für ein Amateurtheater ungewöhnlich ambitionierte Idee, die ihn für das Projekt zusagen ließ. Die sprachlichen Quälereien, die ein Schauspielschüler über sich ergehen lässt, sollten dem Ötigheimer Theaternachwuchs nicht zugemutet werden. Spielen! Das ist die größte Leidenschaft der Jugendlichen, so Kreutz. Daher setzte er das Sprachtraining eingebettet im szenischen Spiel um. Je weniger aufgesagt ein Text beim Publikum ankommt, desto eher kann die Zauberei entstehen, die es dem Zuschauer möglich macht, wirklich in eine Situation, die auf der Bühne stattfindet, einzutauchen. Das Ergebnis der beidseitigen Arbeit war keineswegs Flickwerk, wie die Vorstellungen am Wochenende verdeutlichten. Die hochmotivierten, jungen Schauspielamateure zogen das Publikum von der ersten Sekunde an vollständig in ihren Bann. Fragmente aus dem Schaffen von Friedrich Schiller bis Kurt Tucholsky, von Mascha Kaléko bis Wolfgang Borchert setzten die Eleven der VSÖ-Talentschmiede bewundernswert gekonnt, mit Selbstbewusstsein und müheloser Leichtigkeit um. Passt das Spiel dem Wort und das Wort dem Spiel an und achtet darauf, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten, ließ man gemäß Shakespeares Hamlet eingangs verlauten. Anna Becker, Sarah Becker, Felix Behringer, Torben Frey, Judith Herz, Lisa Kary, Talia Kelterer, Madeleine Kühn, Melanie Thilenius, Chase Tolbert, Lucy Schindele und Lea-Marie Schmidt gaben imposante Visitenkarten ab.

Der Abend strotzte vor Kurzweil, sorgte für bestes Vergnügen und überraschte sogar mit einem aktionsgeladenen Degenduell, in dem Kreutz mitwirkte. Die Vorstellung machte Qualitäten eines professionell ausgebildeten Schauspielers erkennbar, der aber seinem Partner nicht die Show stahl. Klasse. (Manuela Behrendt)

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