Badisches Tagblatt, 25. Juli 2016

Wassermassen im Märchenland

Die beiden Festlichen Konzerte im Rahmen der Volksschauspiele Ötigheim standen in diesem Jahr unter dem Motto Im Märchenreich. Selbst die Bühnenkulisse hatte man mit großen Scherenschnittfiguren aus der Märchenwelt ausgeschmückt. Bei allen schrecklichen Vorkommnissen aktuell ein wohltuender Ausflug in eine heile Welt. Moderator Reinhard Danner, der mit viel Humor durch das Programm führte, stellte dazu tiefsinnig fest, dass das Märchen zwischen Wahrheit und Fantasie stünde.

Zum Auftakt stimmte das um viele Profis erweiterte Orchester der Volksschauspiele die Ouvertüre zur Oper „Undine“ von Albert Lortzing an. Der erstaunlich stimmenstarke Chor schloss sich mit den Chören Züchtig Bräutlein… und Lasset Jubellieder schallen aus der gleichnamigen Oper an. Die musikalische Gesamtleitung und das engagierte Dirigat lag in den Händen von Ulrich Wagner.

Ausgerechnet in diesen Tagen hatte das Wetter umgeschlagen, heftige Gewitter gingen dem ersten Festkonzert voran. Was das auch für Deutschlands größte Freilichtbühne bedeutet, kann man sich denken. Die Publikumstribüne und teilweise auch das Orchesterpodium sind zwar überdacht, aber die übrige Bühne, auf der später das Ballett aufzutreten hatte, war dem Unwetter ausgeliefert. Wahrscheinlich um das Wetter gnädig zu stimmen, präsentierte das Orchester gleich die Gewittermusik aus der Oper La Cenerentola von Gioachino Rossini, ein musikalisches Drohen und Donnern. Aber der Regen wollte nicht weichen, und als Sängerin Lisa Hähnel mit glockenreiner Sopranstimme zusammen mit dem Damenchor die Arie der Nannetta aus Verdis Falstaff anstimmte, schoben zwei starke Männer hinter ihr die Wassermassen mit großen Schiebern von der Bühne, damit das folgende bezaubernde Ballett Der Zug der Zwerge aus der lyrischen Suite von Edward Grieg der Kindertanzgruppe starten konnte. Die einfallsreiche Choreografie und die Kostümzusammenstellung für die sieben emsigen Zwerge mit ihren Zipfelmützen, für Schneewittchen und die böse Stiefmutter stammten wie auch alle weiteren Ballettszenen von Andrei Golescu und Christel Wild.

Nach dem Vortrag mit sehr gut verständlicher Aussprache des großen Chors Blümlein weiß am Wegesrand aus der lyrischen Märchenoper Rusalka von Antonin Dvorak wandte man sich dem Parade- Märchenspiel Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck zu. Hinter Gretels glasklaren Koloraturen, Lisa Hänel, wurde wieder fleißig Wasser beiseite geschoben (mit Sonderapplaus des Publikums), damit beim folgenden Abendsegen aus der gleichen Oper in einer Fassung für den beachtlichen Kinderchor, Einstudierung Maria Bagger, die Pantomime des Balletts mit ganz in Weiß gekleideten vierzehn Engeln dahinter starten konnte. Die Engelchen mussten sich tapfer auf die nasse Bühne zum Schlafen legen, durften aber am Ende wieder aufwachen und zu den im seitlichen Gebüsch schlummernden Hänsel und Gretel eilen, um sie zu beschützen, eine anrührende Szenerie.

Den zweiten Teil des Konzerts eröffnete das Orchester mit dem zackigen Marsch aus der Märchenoper Die Liebe zu den drei Orangen von Sergej Prokofjew. Danach stellte sich der zweite Gesangssolist des Abends vor, der Tenor Jay Alexander. Hingebungsvoll trug er das bekannte Lied Schlafe mein Prinzchen von Wolfgang Amadeus Mozart in einer Fassung für Sologesang, Frauenchor und Orchester vor, und später auch noch die Arie Nessun dorma aus der Oper Turandot von Giacomo Puccini und begeisterte seine Zuhörer.

Ganz anderen Charakter zeigte der frische und lebendige Vortrag des Kinderchores mit A Disney Dazzle, in einem Arrangement von Maria Bagger. Aus der Welt des Disneylands kenne man, so flachste Moderator Danner, ja bekanntlich auch Mickymaus, Donald Duck und Donald Trump. Schließlich hatte das gesamte Ballett der Volksschauspiele mit Tänzerinnen aller Altersstufen seinen großen Auftritt mit Szenen aus dem Ballett Dornröschen von Peter I. Tschaikowsky. In farbenfrohen, märchenhaften, teilweise historischen Kostümen waren die Tänze ein wahrer Augenschmaus, auch wenn aus Sicherheitsgründen nicht alle Nummern getanzt werden konnten.

Zum Abschluss dieses Konzertes mit dem Umfang einer Wagneroper stimmten alle Sänger, die Solisten Lisa Hähnel und Jay Alexander und das Orchester World in Union von Gustav Holst in einer Bearbeitung von Matthias Hammerschmitt an, was unter dem Beifall des Publikums nach verschiedenen Ehrungen noch einmal als schöne Zugabe zum traditionellen Feuerwerk (Pyrotechnik Michael Lerner) genossen werden konnte. (Karen Streich)

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