Badisches Tagblatt, 13. Juni 2018

Wann spielt eigentlich die Operette Der Vogelhändler

Eine der meist gespielten Operetten der Musikgeschichte hat am Samstag, 16. Juni, auf der Freilichtbühne in Ötigheim Premiere: Der Vogelhändler von Carl Zeller. Das Stück gehört laut Regisseur Manfred Straube zu dem halben Dutzend Operetten, die sich seit ihrer Uraufführung im Repertoire deutschsprachiger Bühnen ununterbrochen behaupten. Eigentlich sollte es mit solch einem erfolgreichen Werk keine Probleme geben, sagt der erfahrene Theatermann – und fügt hinzu: Weit gefehlt!

Musikalisch ist der 1891 in Wien uraufgeführte Vogelhändler natürlich eine anspruchsvolle Aufgabe für die Volksschauspiele Ötigheim, wie deren musikalischer Leiter Ulrich Wagner bestätigt. Nicht ganz so viel Genie wie der Komponist indes bewiesen offenbar die beiden Textdichter des Vogelhändlers: Moritz West und Ludwig Held. Zumindest haben die beiden Regisseur Manfred Straube einiges Kopfzerbrechen bereitet, denn in der Geschichte gibt es einige Ungereimtheiten. Das beginnt schon mit der historischen Epoche, in der das Stück angeblich spielen soll. Ort der Handlung ist die Kurpfalz, laut Original-Libretto (also dem Textbuch der Operette) am Anfang des 18. Jahrhunderts. Das kann aber gar nicht sein, erklärt Straube. Denn in der Zeit um 1700 war die Pfalz (wie übrigens auch Baden) ein kriegsgebeutelter Landstrich. Kaum vorstellbar sei es zum Beispiel, dass zu jener Zeit eine Kurfürstin mit Teilen ihres Hofstaats verkleidet durchs Land reist, um den Gatten bei amourösen Abenteuern zu ertappen und einen neuen Sommersitz einzuweihen. Das Verhalten der Dorfbewohner und das Abhalten eines Marktfests, zu dem selbst Tiroler Vogelhändler anreisen, sprechen für friedlichere Zeiten, betont Straube.

Dass der Kurfürst im Stück Karl Theodor heißt, spreche ebenfalls nicht für diese Epoche. Tatsächlich regierte Karl Theodor die Pfalz als Kurfürst von 1742 bis 1799. Allerdings gibt sich Straube auch mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Spielzeit der Operette nicht zufrieden und verortet die Geschichte – Kurfürst Karl Theodor hin oder her – eher in die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts. Wie Straube erklärt, werden die Bauern in der Operette für ihre Wilddiebereien (wenn überhaupt) nach dem bürgerlichen Recht bestraft (eingeführt durch Napoleon 1806), und außerdem tauchen Gendarmen in der Handlung auf, die es erst seit 1813 gegeben habe. Allerdings regierten zu jener Zeit auch keine Kurfürsten mehr. Die linksrheinische Pfalz gehörte politisch zum Königreich Bayern, am rechten Ufer herrschte der Großherzog von Baden.

Straube hat noch mehr inhaltliche Schwächen ausgemacht: Im Finale des Stücks verkündet der Vogelhändler Adam verblüffenderweise, er gehe nun heim nach Tirol. Das widerspricht dem ganzen Entwicklungsstrang des Stücks, sagt Straube. Selbst wenn man unterstelle, dass Christel mitgeht, dann wäre sie in Tirol arbeitslos und Adam würde auch nicht Menageriedirektor beim Kurfürsten. Darum aber ging es das ganze Stück über. Straube: Die Ausgangslage für die Ehe wäre schlechter als zu Beginn des Stücks.

Straube hat eine geschickte Lösung gefunden, die auf seinen Regielehrer Walter Felsenstein zurückgeht. Dessen Inszenierung an der Komischen Oper Berlin soll seinerzeit auch den Dichter Bertold Brecht fasziniert haben. Straube berichtet von einer Überlieferung, wonach Brecht sich bei einer Aufführung des Vogelhändlers im Theater vor Freude auf die Schenkel geklopft haben soll über das, was auf der Bühne vorging – und das, obwohl Brecht und Felsenstein sehr unterschiedliche Auffassungen vom Theater hatten. Hoffen wir, dass unsere Zuschauer eben so viel Spaß haben wie Brecht, freut sich Manfred Straube. Und dafür ist ja eine genaue zeitliche Verortung auch gar nicht nötig. (Sebastian Linkenheil)

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