Badische Neueste Nachrichten, 7. Juli 2014

Kühe lassen sich vor den Karren spannen

Petra und Pauline sind an diesem Samstagvormittag erstaunlich gelassen. Sie stehen in einer geschützten Ecke auf dem Hof des Tellplatzes und beäugen die Kinder, die munter um die Wette hüpfen. Und deren Mütter, die schon etwas nervös darauf achten, dass das Kleid richtig sitzt, die Schuhe angezogen sind und der Hut, der jetzt noch zwischen den Fingern zerknüllt wird, nicht irgendwo achtlos liegen bleibt.

Es ist Kostümprobe an diesem Vormittag, die erste für die Wiederaufnahme des Kinderstücks Heidi, das im vergangenen Jahr eine gefeierte Premiere hatte und viele Besucher in das Halbrund der Naturbühne Volksschauspiele Ötigheim lockte. Naturbühne ist das Stichwort: Sie ermöglicht Regisseur Frank Landua mit der Musik von Markus Kapp nicht nur eine lebendige, lauf- und tanzfreudige Inszenierung an vielen verschiedenen Spielorten, sie hält auch Überraschungen bereit, wie an diesem Morgen. Wenige Minuten vor Probebeginn bahnt sich die Regieassistentin aufgeregt den Weg durch die vielen Akteure, in ihrem Handballen hält sie in einem Küchenkrepp einen winzigen Vogel. Er ist aus dem Nest gefallen. Jetzt muss ich schauen, dass ihn der Falkner nicht sieht, sonst ist das für ihn Futter für seinen Falken, lacht sie und sucht einen sicheren Platz für das winzige, flauschige Etwas. Der Falke gehört auch zu den Tieren, die gerade diese Kinderinszenierung um das Mädchen Heidi aus den Schweizer Alpen zu einem Erlebnis machen: Ziegen werden auf die Weide geführt, der Geißen-Peter oder Geißen-General, wie ihn der Alp-Öhi nennt, muss mit einem Stock einen Adler (eben den Falken) von seinen Ziegen wegtreiben, ein Kuhfuhrwerk rumpelt gemütlich durchs Schweizer Dörfli und in Frankfurt steigen die Herrschaften der Familie Stresemann nicht nur in ein Automobil sondern auch in eine von Pferden gezogene Kutsche.

Regisseur Frank Landua sitzt an diesem Vormittag während des zweieinhalbstündigen Durchlaufs im Zuschauerraum, sein Regiebuch vor sich und muss die Rolle der Großmama Stresemann einlesen, sie war für diese Probe verhindert. Einige Texthänger hat die Souffleuse noch aufzufangen, aber die Chor- und Tanzszenen klappen schon wieder richtig gut. Und so lobt am Ende Regisseur Landua auch den Kinderchor und die Tanzgruppen der Volksschauspiele Ötigheim und bittet die Mikrofone abzunehmen und „zur Kritik“ zu kommen. Und Petra und Pauline? Ja, das sind die beiden Kühe eines Landwirts aus Plittersdorf, die sich zu Beginn geduldig das Geschirr anlegen und sich vor den Karren spannen lassen, mit dem sie durchs Dörfli rumpeln, wo die Geschichte des kleinen Mädchen beginnt, das bei seinem grimmigen Großvater, dem Alp-Öhi aufwächst, weil die Tante Dete es bei ihrer neuen Stellung in Frankfurt nicht brauchen kann. Und dann doch wieder braucht, als Spielgefährtin für eine gelähmte Tochter aus reichem Haus und das Mädchen dann in die Großstadt wegholt, in der Heidi vor Heimweh krank wird. Wie Heidi im Dörfli und auf der Alm beim Geißen-Peter und dem Großvater lebt, wie sie mit ihrer Heimatliebe die Klara ansteckt und wie diese gesund wird, das und noch viel mehr ist in dieser liebevollen und kurzweiligen Inszenierung kindgerecht aufbereitet. (Martina Holbein)

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