Badisches Tagblatt, 22. März 2019

Von royaler Pracht zu eigenartigen Mondgewächsen

Die quirlige Olga Knack ist früh am Morgen in der Schneiderei der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ) in ihrem Element. Die diplomierte, freischaffende Kostümbildnerin und Gewandmeisterin stellt sich mit Petra Schorpp der Herausforderung, für das Märchen Der Gestiefelte Kater nach dem Willen des Regisseurs den Schwanz des Tiers als Teil des Outfits voll bewegbar zu machen. Abdul aus Damaskus näht derweil Katzenohren. Er hilft bei den VSÖ aus. Mit Schorpp als Vollzeit- und Patricia Krebs als Teilzeitkraft ist die Nähstube nicht üppig besetzt.

Christel Wild, ehrenamtliche Herrin über den Kostümfundus und einst hauptberufliche Leiterin der Schneiderei, hing daher ihren Ruhestand an den Nagel, ist wieder mit Nadel und Faden aktiv. Hunderte Stunden investieren die Näherinnen. Knack sagt: Die Zeit zähle ich nicht; mein Beruf ist mein Hobby, ohne Herzblut funktioniert dieser Job nicht. Das Kinderstück stattet sie aus für 30 Rollenträger, 56 Mäuse, 36 Katzen, zwölf Zirkusfiguren, ein buntes Volk von 50 Menschen aller Altersklassen sowie sieben Musiker. Münchhausen spielt in der Epoche des Rokoko. Eine sehr aufwendige Garderobe ist deshalb gefragt. Der Baron mit Hang zu dreisten Geschichten reist an den Hof der Zarin, trifft Casanova in Venedig, befreit im Orient eine Schöne aus dem Sultansharem und fliegt auf den Mond. 60 Rollenträger, 120 Choristen und 70 Statisten schlüpfen in mindestens zwei Kostüme, um in den jeweiligen Szenen passend gekleidet zu sein. Es gibt royale Pracht (Katharina die Große steckt in einem voluminösen Drahtgerüst, über welches ihr weiter Rock fließt), russische Folklore, morgenländische Roben und eigenartige Mondgewächse.Erstmals beauftragte der Schauspielverein deswegen ein ungarisches Fachunternehmen mit der Kostümproduktion. Durch Knacks gute Vernetzung im Metier entstand der Kontakt. Von dem Haus ist sie aus Erfahrung überzeugt. Dieses liefert seit 1995 beste Qualitätsarbeit zu Opernbühnen und Theatern europaweit sowie in die USA. Die ungarischen Schneider bedienen unter anderem die Bayreuther Festspiele. Ein in Ötigheim gefertigter Prototyp war die Basis für über 300 Kostümteile. Diese kamen Anfang März im Telldorf an. Zwei Tage früher als bestätigt und hervorragend gearbeitet, freut sich Knack.Über den Fortgang der Arbeiten in Ungarn hatte sie sich auf dem Laufenden gehalten. Figurgenau passt man die gelieferten Teile nun den Darstellern an, veredelt sie mit allerlei zierenden Materialien.

Die Kostüme für Die Räuber seien dagegen ziemlich einfach, lacht Knack. Im zweiten Jahr leitet sie die VSÖ-Schneiderei. Sie ist ein Profi aus dem Effeff, arbeitet bundesweit für Film, Fernsehen und Bühne, war mit Jürgen Prochnow auf Deutschlandtournee. Gleich in ihrer ersten Ötigheimer Saison verlor Knack ihr Herz rettungslos an das Amateurtheater. Wellen von positiver Energie empfängt sie von den VSÖ’lern, empfindet die Atmosphäre als herzlich, familiär und engagiert. Die taffe Gewandmeisterin ist fasziniert davon, dass „alle tagsüber in ihren Berufen volle Leistung bringen“ und sich als Ausgleich auf dem Tellplatz in ihre Rollen knien, um Großes zu vollbringen. (Manuela Behrendt)

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