Badisches Tagblatt, 1. Juni 2015

Von der Bleistiftzeichnung zum Chorbild

Mit einem Plastikeimer voller Straßenkreide in der Hand geht Stefan Haufe, Regisseur der Passion (Premiere am 14. Juni) zur Bühne der Volksschauspiele Ötigheim. Gleich beginnt seine Probe mit dem Chor, der sich gerade noch unter der Leitung von Ulrich Wagner am Klavier einsingt. Haufe hat geplant, an diesem Tag die Chorbilder einzustudieren. Rund 230 Menschen muss er dabei auf der Bühne koordinieren, damit jeder am Schluss am richtigen Platz steht. Kein einfaches Unterfangen.

Haufe zieht seine Jacke aus und hängt sie über einen Stuhl. Dann fischt er eine durchsichtige Mappe mit zahlreichen Blättern darin aus seiner Umhängetasche. Mit einer Skizze auf einem Blatt Papier fängt es an, erzählt der 52-Jährige, wie die Ideen zu den verschiedenen Formationen auf der Bühne entstehen.

Aus dem Originalgrundriss der Bühne hat er einen Plan gedruckt und mit Bleistift viele kleine Punkte eingezeichnet. Jeder Punkt steht für einen Sänger des Chors. Auch Buchstaben zieren die Skizze: A steht dabei beispielsweise für die Alt-Sänger, S für den Sopran. Jeder, der die Bühne betritt, muss wissen, was er wo und warum tut, gibt der Passion-Regisseur als Ziel vor.

In die Entscheidung, wer am Ende wo steht, fließen viele Parameter mit ein. Zum einen muss der Gesang der Chöre richtig klingen. Das bedeutet, dass Haufe sich überlegen muss, wo Bass-, Alt- und Sopransänger am besten stehen sollten, damit die Stimmen zur Geltung kommen. Zum anderen hat Haufe bestimmte Bilder im Kopf, die der Chor bei seinem Auftritt bilden soll. Sie sollen nicht nur in Reih‘ und Glied stehen, verdeutlicht er. Sondern zum Beispiel den Korpus eines Fischs oder eines Kelchs bilden.

Der Regisseur zieht eine blaue Straßenkreide aus dem Eimer und betritt die Treppe des Hauptbaus. Die hatte ich eigentlich für meine Kinder gekauft, schmunzelt er und blickt auf das Malutensil in seiner Hand. Dann geht er in die Hocke und zeichnet kleine Kreuze und Pfeile auf die Steinstufen. Leise murmelnd streckt er immer wieder den Arm vor seine Brust, um zu sehen, ob die Kreuze auf den Stufen in einer Linie verlaufen. Das soll das Bild des Fisches ergeben, erklärt Haufe, zieht die Skizze hervor und vergleicht, ob seine blauen Kreidemarkierungen mit dem Plan übereinstimmen. Wenn die Punkte an der richtigen Stelle sind, werden sie mit Ölfarbe nachgemalt, sagt Haufe. Dann überstehen sie bei Wind und Wetter die Saison der Volksschauspiele.

Das Problem: Selten sind bei den Chorproben wirklich alle da. Und das erschwert Haufe die Arbeit. Denn immer wieder sind dann Sänger dabei, die nicht wissen, wo sie stehen sollen, da sie in einer vorangegangenen Probe vertretungsweise an einem anderen Platz ausgeholfen haben.

Haufe blickt auf seine Armbanduhr. Gleich ist die Singprobe für den Chor vorbei und seine Arbeit beginnt. Jetzt werde ich doch etwas nervös, scherzt der 52-Jährige, der momentan im Übrigen einen sehr hohen Kaffeekonsum hat, wie er erklärt. Denn oft muss er bis nach Mitternacht bei den Lichtproben dabei sein. Und mit denen kann man eben erst beginnen, wenn es dunkel ist.

Dann greift Haufe zum Mikrofon. Es geht los. Nach und nach bittet er die Alt-, Bass- und Sopransänger auf die Bühne und positioniert den Jungen Chor auf der Treppe. Wie komme ich an meine Position und wie gehe ich wieder weg, informiert Haufe die Darsteller über die Aufgabe des Abends. Dann teilt er die Sänger in Gruppen ein, benennt einen Ansprechpartner, an dem sich die anderen orientieren können.

Fotos werden geschossen, um zu dokumentieren, wer am Ende wo stehen soll. Immer besser kann man erkennen, welches Bild der Regisseur im Kopf hatte. Ein gutes Stück Arbeit hat Haufe dennoch vor sich. Denn: Die Akteure dürfen nicht unsicher sein, erklärt er. Trotz aller Arbeit freut sich Haufe auf die Inszenierung. Einiges wird anders, kündigt er mit Blick auf das traditionsreiche Stück an. Die Traditionalisten werden sich wundern. In viele Szenen habe er frischen Wind gebracht und für mehr Lebendigkeit und Schwung gesorgt, so der Regisseur. Und eine Sache war ihm besonders wichtig: Er wollte den Zuschauern die Frage beantworten, warum diese Geschichte für uns heute wichtig ist. (Miriam Hliza)

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