Badische Neuste Nachrichten, 08. August 2016

Voller Liebes-Zündstoff

Von Venedig nach Verona, dann nach Cremona, Parma, Mantua und Padua. Und anschließend das Ganze von vorn. Die gesamte oberitalienische Landkarte wandert Fred Grahams Theatergruppe während ihrer Aufführung der „Widerspenstigen Zähmung“ ab. Die Volksschauspiele Ötigheim verfügen für ihren Beitrag zum Shakespeare-Jahr zwischen Bergkapelle, Münster und historischen Häusern über das ideale Breitwandpanorama, wie sie keine Broadway-Bühne aufbieten könnte. Braucht es eigentlich gar nicht, denn die Shakespeare-Aufführung bildet nur die Bühne auf der Bühne-Situation, welche die von Eifersucht und verletzter Liebe angekränkelte Beziehung des exzentrischen, sich letztlich in allen Höhen und Tiefen des Schauspielerberufs zugetanen Paars Fred Graham und Lilli Vanessi spiegelt. Am ersten Jahrestag ihrer Scheidung begegnen sie sich bei den Vorbereitungen der Komödie, in der sie als Petruchio und Katharina auftreten werden. Als Katharinas jüngere Schwester Bianca hat Fred, der mit dieser Aufführung auf seinen künstlerischen und finanziellen Durchbruch hofft, seine derzeitige Flamme Lois Lane engagiert, was den privaten Eifersüchteleien zusätzlichen Zündstoff für das Bühnengeschehen verleiht.

Bühnen-Romantik und Backstage-Intrigen gehören zu den beliebtesten Motiven vieler Musicals, doch kaum eines ist dramaturgisch so dicht geflochten, verschmilzt Bühne und Hinterbühne, Text und Musik, Witz und Ironie so geistreich wie Kiss me Kate, mit dem der bereits abgeschriebene Cole Porter an seinen 1930er Jahre Erfolg Anything Goes anknüpfen und zudem die Überlebenskraft des Genres nach dem Zweiten Weltkrieg bezeugen konnte.

Als eines der ersten Musical-Exporte gelangte das 1948 uraufgeführte Stück nach Deutschland, wo Günter Neumanns auch in Ötigheim benutzte Übersetzung fast sprichwörtlich wurde. Die breite Naturbühne, die für die vornehmlich in den Künstlergarderoben, der gedrängten Backstage und auf einer Bühne spielenden Szenen von Nachteil sein könnte, nutzt Stefan Haufe sehr geschickt, indem er Freds und Lillis Garderoben direkt vor die Zuschauer rückt und die Sequenzen der Bühnenaufführung von der Widerspenstigen als historisches Spektakel im Cinemascope-Format vor das Kirchenportal platziert und den Raum für Taxi, Sanitätsauto, Gangsterkarosse und Petruchios Ritt auf dem Esel nutzt.

Haufe ist ein Spezialist des musikalischen Unterhaltungstheaters, der gekonnt Massen bewegt und Szenen verdichtet und die Tanzgruppen, den Jungen Chor und die Frauen, Männer und Kinder der Spielegemeinschaften neben den Profis gut aussehen lässt. Als Regisseur und Choreograf in Personalunion sorgt Haufe dafür, dass sich selbst einige der für die Chorus Line wenig prädestinierten Damen als Tanz-Elfen fühlen können und mischt bei Es ist zu heiß das Ensemble geschickt vor die steppenden Lois und Bill.

Marysol Ximenéz-Carillo und Alexander Soehnle sind Musical erprobte Alleskönner, die die richtige Sing- und Spielmagie für Porters Musik mitbringen, vor allem Ximenéz-Carillo steigert Lois’ glänzend umgesetztes Aber treu bin ich nur dir auf meine Weise zu einem Höhepunkt des Abends. Reinhard Danner gibt den Fred Graham mit der offensiven Eitelkeit des selbstverliebten Schauspielers, der an Zickigkeit der Diva in nichts nachsteht, dazu schlagfertig und mit der nötigen Portion an Selbstironie; mit seinem tragfähigen Sprechtenor zeigte sich Danner auch den vokalen Herausforderungen, vor allem im melancholischen „Wo ist die liebestolle Zeit“, gewachsen. Ein wenig fehl im Ensemble ist die opernhaft voluminöse Stimme von Viola Zimmermann, die mit ihrem dunklen Spielalt in den deftigen Szenen des malträtierten Käthchens und ihrem Kampf dem Mann gewinnt. Sensibel wacht Ulrich Wagner über dem Geschehen, erzeugt mit dem Orchester der Volksschauspiele einen geschmeidigen, nostalgisch romantischen Porter-Sound und trägt die Solisten über alle Klippen, darunter die beiden zeitweise auch im pinkfarbenen Rüschenkleid als Engel in Menschengestalt auftauchenden Ganoven Roman Gallion und Christoph Dettling mit ihrem unverwüstlichen Schlag nach bei Shakespeare, aber auch Felix Behringer und Tobias Kleinhans als Gremio und Hortensio und Saskia Stößer, die als Garderobiere Hattie gleich zu Beginn mit Premierenfieber die Gefühle dieses Sommerabends zusammenfasst. (Nikolaus Schmidt)

zurück zum Pressespiegel