Badische Neueste Nachrichten, 14. Juni 2018

Vogelhändler als krönenden Abschluss

Ich wüsste nicht, dass es irgendwo etwas Vergleichbares gibt. Ulrich Wagner ist, wie er betont, uneingeschränkt begeistert von der Grundidee der Volksschauspiele Ötigheim. Seit 2012 wirkt der Dirigent und Chorleiter, der hauptberuflich am Staatstheater Karlsruhe engagiert ist, als musikalischer Leiter bei den Volksschauspielen. Der Kern ist für ihn der Enthusiasmus und die Begeisterung, mit der sich ein ganzer Ort dem Theater und der Musik widmet – völlig ehrenamtlich. Herausragend ist auch die intensive Jugendförderung, etwa in der musikalischen Ausbildung oder in den Ballettgruppen, erklärt er.

Trotz der Freude an seiner künstlerischen Arbeit in dieser Atmosphäre wird Ulrich Wagner sein Amt zum Ende dieser Saison abgeben. Ich habe am Staatstheater letztlich fünf verschiedene Vertragsbestandteile zu erfüllen, und eine terminliche Doppelbelastung in dieser Form kann man nur eine Zeitlang durchhalten, erklärt er. Seit 2003 ist er am Karlsruher Theater mit zahlreichen Aufgaben engagiert, seit 2009 ist dort die Leitung des Staatsopernchors und den Extrachors hinzugekommen.

Das Hauptstück der Abschiedssaison krönt für Ulrich Wagner sein Schaffen in Ötigheim. Erstmals wird Carl Zellers Operette Der Vogelhändler (uraufgeführt 1891 in Wien) auf Deutschlands größter Freilichtbühne gespielt, und in der von Manfred Straube inszenierten Aufführung schlagen sich mehrere Aspekte von Wagners Arbeitsansätzen nieder. Da ich von Haus aus Chorleiter bin, habe ich natürlich auch in Ötigheim auf die Chorarbeit viel Wert gelegt, sagt der erfahrene Dirigent. Es freut mich sehr, mit dem ’Vogelhändler’ nun ein Stück zu leiten, in dem der Chor richtig glänzen kann. Das insgesamt mehr als 200 aktive Sängerinnen und Sänger umfassende Chorensemble der Aufführung sei quasi von Anfang bis Ende auf der Bühne und stark am Geschehen beteiligt.
Daneben baute Wagner auch den Ansatz aus, gewichtige Partien mit Profis zu besetzen. Über die Jahre hinweg haben wir ein Netzwerk an jungen, gut ausgebildeten Sängerinnen und Sängern aus der Region aufgebaut, die hier große Rollen singen konnten und von deren Können wiederum das hiesige Ensemble profitiert hat, erklärt er. Im Vogelhändler sind die vier Hauptrollen entsprechend besetzt: Die weibliche Hauptfigur, die Christel von der Post, singt die an der Karlsruher Musikhochschule ausgebildete Lisa Hähnel, die sich in Ötigheim bereits als Bärbele im Schwarzwaldmädel, singender Engel in der Passion und beim Festlichen Konzert 2016 mit Jay Alexander einen Namen gemacht hat. Die Titelrolle teilen sich der aus den USA stammende Tenor Beau Gibson und der von 2010 bis 2015 am Badischen Staatstheater engagierte Max Friedrich Schäffer. Auch die Partien der Kurfürstin Marie und des Garde-Offiziers Graf Stanislaus sind mit Clara-Sophie Bertram und Myriam Mayer bzw. Philipp Nicklaus und Moritz Kallenberg doppelt mit Profis besetzt.
Eine etwas andere Doppelbesetzung gilt für die Christel: Neben Lisa Hähnel hat Judith Herz diese Partie einstudiert. So etwas gehört auch zu dem Phänomen Ötigheim – eine junge Frau, die Maschinenbau studiert und sich über ein Jahr hinweg diese große Rolle erarbeitet´, freut sich Wagner. Herz steht in erster Linie als Backup für Hähnel parat, Wagner sieht in ihrer Vorbereitungszeit aber nicht nur diesen pragmatischen Aspekt, sondern auch eine besonders intensive Nachwuchsförderung.
Als einen weiteren Schwerpunkt nennt Wagner das Verfeinern des Orchesterklangs. Da liegt mir das Bewusstsein für stilistische Vielfalt am Herzen. Gefordert ist dies vor allem für das jährliche festliche Konzert, dessen programmatische Bandbreite Wagner in diesem Jahr durch die inhaltliche Klammer Last Night of the Proms (21. und 22. Juli) zusammenhalten will. Präsentiert werden Werke britischer bzw. in Großbritannien schaffener Komponisten, von Händel über Edward Elgar bis zu Elton John. Hier wird die Verbindung zwischen den Volksschauspielen und dem Staatstheater durch das Mitwirken des von Wagner geleiteten Extrachors und des Tenors Eleazar Rodriguez unterstrichen. (Andreas Jüttner)

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