Badische Neueste Nachrichten, 23. Juli 2018

Auf dem Tellplatz gab man sich very british

Mal angenommen, es sind Festliche Konzerte und alle gehen hin. Da wird’s zweimal hintereinander, bei insgesamt fast 7 000 Besuchern, ziemlich kuschelig im Halbrund der Freilichtbühne, auf der diesmal very british der Union Jack im Torbogen prangte, Moderator Reinhard Danner mit schwarzer Luxuskarosse angebraust kam und bedauerte, dass die Queen leider nicht anwesend sein könne, weil ihr die 1 500 Euro fürs Taxi doch zu viel waren.

England verabschiedet sich aus der EU. Dass Ulrich Wagner geht, ist für die Volksschauspiele aber der größere Verlust, brachte es Danner, der gewohnt charmant und launig durch den dreistündigen Abend führte, gegen Ende der Ötigheimer Version von Last Night of the Proms auf den Punkt. Ein klang- und farbenprächtiges Abschiedsgeschenk hatten die mehr als 200 Mitwirkenden dem scheidenden musikalischen Leiter beschert – und dem Publikum zwei wunderbare Abende, an denen Orchester, Kinderchor und Ballettgruppen der Volksschauspiele mit dem Extrachor des Badischen Staatstheaters und Gesangsolisten dem Brexit trotzten und den Höhepunkt des Londoner Kulturlebens ins Telldorf holten.

Nach dem Vorbild des weltberühmten, seit 1895 zelebrierten Abschlusskonzerts der BBC-Promenadenkonzerte zauberten sie ein vielseitiges Programm auf die Bretter, das keine Wünsche offen ließ. Unter Wagners souveräner und wie immer temperamentvoller Leitung starteten die Musiker mit Werken Friedrich von Flotows. Zum Auftakt ließ das bestens disponierte Orchester die Ouvertüre aus Martha oder der Markt zu Richmond erklingen. Der Extrachor schmetterte den Chor der Landleute, derweil Tenor Eleazar Rodriguez bei seinem ersten Auftritt auf der Naturbühne mit der Arie des Lyonel Ach so fromm, ach so traut Furore machte.

Mit fünf prächtigen Sätzen aus Händels Wassermusik luden der Klangkörper und die von Andrei Golescu und Julia Krug trainierten, von Christel Wild mit bezaubernden Kostümen ausstaffierten Ballettgruppen zur barocken Sause auf der Themse ein. Einen bedrückend-blutrünstigen Kontrast dazu setzte der Extrachor mit Patria oppressa aus Verdis finsterer Oper Macbeth. Noch wunderlicher im Gemüte dürfte es den Zuhörern geworden sein, als das Orchester sie im Vorspiel zum ersten Akt der Wagner-Oper Tristan und Isolde mit dämonisch-melancholischer Klangmagie beglückte. Da ging’s doch beim dritten Traumpaar, Eliza Doolittle und Henry Higgins, viel lustiger zu. Mit den Worten Meine Herren, bitte vergessen Sie das Atmen nicht!, kündigte Danner den auch optisch reizvollen Auftritt von Marysol Ximénez-Carillo an, die in Ötigheim erstmals 2016 im Musical Kiss me, Kate zu erleben war und jetzt mit dem My Fair Lady-Song Wart’s nur ab, Henry Higgins verzauberte. Mit dem zweiten My Fair Lady-Song, Hei! Heute Morgen mach’ ich Hochzeit, läuteten der Extrachor, das Ballett und Reinhard Danner, der als Gesangsolist glänzen durfte, die Pause ein. Aus dieser meldeten sich die Tänzerinnen eindrucksvoll mit dem Botschaftswalzer aus demselben Musical zurück. Auf das Vorspiel zum zweiten Akt aus Cole Porters Kiss me, Kate antwortete Ximénez-Carillo mit dem Lied Aber treu bin ich nur Dir. Man wollte es ihr gerne glauben. Riesenapplaus erntete der von Maria Bagger geleitete Kinderchor für sein grandioses Medley aus Elton Johns und Tim Rices Broadway-Erfolg König der Löwen. Hut ab auch vor dem VSÖ-Ballett, das virtuos und tänzerisch einfallsreich Ausschnitte aus bekannten James Bond-Filmen in Szene setzte. Sanft, zart und wunderbar atmosphärisch ließ das Orchester Frederick Delius’ Summer Evening erklingen. Dass die Proms-Klassiker Rule, Britannia von Thomas Arne (mit Tenor Rodriguez) und Edward Elgars Land of Hope and Glory nicht fehlen durften, versteht sich von selbst. Die Party endete im Funkenregen von Michael Lerners Schlussfeuerwerk. Klasse … (Ralf Joachim Kraft)

zurück zum Pressespiegel