Badische Neueste Nachrichten, 30. Juni 2018

Ein Jahr ohne Volksschauspiele ist für sie unvorstellbar

Im  Vogelhändler ist er zusammen mit seinem Sohn Johannes als Heidelberger Professoren-Duo zu sehen. Als Oberst Hathi hat er im Dschungelbuch seine Elefanten-Eingreiftruppe im Griff und als undurchsichtiger Abt Abbo geistert er durch den Name der Rose.
Gleich dreimal ist Kurt Tüg in dieser Spielzeit auf der Bühne zu sehen, in drei verschiedenen Rollen. Dasselbe Schicksal teilt auch Stefan Brkic, der im Vogelhändler den steifen Kammerherrn von Scharnagel mimt, im Dschungelbuch als Elefant mit den anderen um die Wette trötet und in Der Name der Rose als Glasermeister Nicolas von Morimond seine Fäden spinnt. Wann bleibt da noch Zeit für den Beruf oder die Familie? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf, auch wenn zwei Produktionen eine Wiederaufnahme sind, bei denen nicht so viel zu lernen ist. Aber man sollte es nicht unterschätzen, vor allem wenn die Regisseurin Rebekka Stanzel heißt, die sehr akribisch arbeitet. Kurt Tüg lacht: Ich bin jetzt im Ruhestand, da geht das. Aber wie ich das früher gemacht habe? Das kann ich mir heute nicht mehr vorstellen. Das Familienleben findet während der Spielzeit eben auf dem Tellplatz statt, ergänzt Stefan Brkic, der sich als Zollbeamter die Zeit ein wenig einteilen kann und manchmal noch nach den Proben vor dem PC sitzt. Aber ein Leben ohne den Tellplatz? Ohne Theatersaison? Ohne Volksschauspiele? Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden, Kurt Tüg lacht und Stefan Brkic pflichtet ihm bei. Ein Jahr, ohne im Frühling und Sommer fest verplant zu sein, können sich beide nicht vorstellen. Aber was heißt hier Frühling und Sommer?

Nach der Spielzeit ist vor der Spielzeit: Dieser Satz gilt auch für die Volksschauspiele Ötigheim. Nach dem letzten Spieltag Ende August – nach dem Abschlussfest – besteht die Möglichkeit, in Urlaub zu gehen, doch spätestens Ende Oktober geht es wieder los. Für die, die noch bei der Kleinen Bühne aktiv sind, meist schon früher. Stefan Brkics Rollen sind kleiner, nur so sei die Dreifachbelastung zu schaffen, eine Herausforderung, die auch noch andere auf sich nehmen.

Stefan Brkic kam erst 2001 zu den Volksschauspielen, über die Ehefrau, die eine Tochter aus der Schauspielerfamilie von Johannes Becker ist. Meine erste Rolle war ein Soldat in ,Ben Hur’ und dann bin ich geblieben, sagt er. Auch die Töchter sind dabei und so trifft man sich während der Spielzeit eben auf dem Tellplatz. Deutlich älter ist das Engagement von Kurt Tüg, seit er 1963 als Elfjähriger zum ersten Mal Theaterluft schnupperte. Eine typisch Ötigheimer Karriere, die er mit Mitarbeit in der Verwaltung noch ergänzte. Seine Söhne sind ebenfalls involviert, mit Johannes ist er als Pro-Dekan und Professor der Heidelberger Universität in einem vergnügten Duett im Vogelhändler zu hören und zu sehen. Ja, das Singen war gar nicht so einfach mit dem Live-Orchester. Einmal habe man zu zweit zu Hause geprobt, aber das war’s dann auch schon, wegen Zeitmangels.

Spätestens im Oktober steigt die Nervosität, wenn die Textbücher für die neue Spielzeit verschickt werden und der Regisseur seine Besetzungswünsche mitteilt. Das macht einen dann schon stolz, wenn Manfred Straube einen als Pro-Dekan anfragt, so Kurt Tüg. In einem ersten Gespräch stellt der Regisseur dann vor, wie er die Rolle anlegen möchte, dann bringt auch der Schauspieler seine Ideen mit ein. Gerade wenn ein Regisseur neu in Ötigheim ist und die Verhältnisse und Eigenheiten der großen Naturbühne nicht kennt, wird das gerne angenommen. Natürlich machen sich die Schauspieler auch kundig, informieren sich, wie andere die Rolle angelegt haben. Aber die eigene Persönlichkeit findet sich zu einem Teil immer wieder. Nur so kann eine Rolle glaubwürdig rübergebracht werden, sind sich beide einig. In der Praxis äußert sich das bei Kurt Tüg so, dass er beim Einkaufen von Kindern mit Oberst Hathi begrüßt wird. Und als er im vergangenen Sommer bei der Autogrammstunde unter seinem schweren Kostüm einen leichten Schwächeanfall hatte, standen die Kids alle besorgt um ihn herum und waren sehr besorgt, ob ihr Oberst Hathi wieder schnell auf die Beine kommt. (Martina Holbein)

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