Badisches Tagblatt, 12. Mai 2016

Auf der Bühne müssen alle Kommandos sitzen

Nicht nur auf seinen Text muss sich Schauspieler Matthias Götz konzentrieren, wenn er ab dem 11. Juni als Javert beim Stück Les Misérables auf der Bühne der Ötigheimer Volksschauspiele steht. In einigen Szenen muss der 49-Jährige auf einem Pferd reiten. Und das bedeutet viel Training im Vorfeld. Deshalb nimmt Götz seit Wochen regelmäßig Reitstunden im Reitverein Ötigheim.

In Reitstiefeln und Reithose taucht Götz im Stall des Reitvereins auf. Das Shirt hat er in die Hose gesteckt. Er halftert das Pferd Tornado, einen dunkelbraunen Wallach, auf und führt ihn aus der Box. Oh, bist du dreckig, sagt Götz mit gespielter Empörung zu Tornado, als er anfängt, ihn zu striegeln.

Das Pferd putzen, Hufe auskratzen, satteln und sogar Box ausmisten übernimmt der 49-Jährige, der hauptberuflich beim Zoll am Baden-Airpark arbeitet. Tornado ist erst seit zwei Monaten ein Schulpferd des Vereins, auf der Bühne stand das Tier daher noch nie.

An diesem Abend plant Götz, das Pferd mit auf die Bühne der Volksschauspiele zu führen. Da werden wir erstmals reitend die Bühne begutachten. Nach und nach kommen dann in den Proben weitere Schwierigkeiten auf Pferd und Reiter zu: Es stehen Gegenstände auf der Bühne, Musiker spielen, irgendwann ist auch das Volk dabei.

Auch das Kostüm von Götz ist nicht ganz ohne. Als Figur Javert trägt er einen langen Militärmantel. Da muss sich Tornado noch dran gewöhnen. Doch Götz ist zuversichtlich. Der Wallach sei sehr neugierig und gewöhne sich schnell an Neues.

Insgesamt absolviert Götz sechs Auftritte mit Pferd. Knifflig sind Szenen, bei denen er zum Beispiel im Galopp auf eine Barrikade zureiten muss. Auch das Loch des Orchestergrabens sei durchaus heikel. Da muss man immer ein bisschen aufpassen.

Wichtig sei auf jeden Fall, das Pferd immer im Griff zu haben. Schließlich könne man nie vorhersagen, wie das Tier auf Applaus reagiert oder ob plötzlich eine Maus über die Bühne rennt. Ich muss immer aufmerksam sein. Angst darf man jedoch keine haben. Denn die überträgt sich auf das Pferd.

Und damit alle Kommandos auf der Bühne sitzen – zum Beispiel angaloppieren – nimmt der 49-Jährige nun die Reitstunden. Nicht das erste Mal: Bei der ,Jungfrau von Orleans‘ habe ich vor Jahren schon einmal einen reitenden Boten gespielt, erinnert sich der Schauspieler. Es folgten weitere reitende Auftritte, etwa bei den Musketieren. Aber ich reite nur auf der Bühne. Deshalb muss Götz im Vorfeld die Arbeit mit dem Pferd trainieren. Es ist zwar wie Radfahren, trotzdem habe ich Reiten nie von der Pike auf gelernt, verdeutlicht er.

Das Training mit dem Pferd sei zwar viel zusätzliche Arbeit. Aber ich bin immer froh, wenn ich eine Reiterrolle bekomme. Es sei etwas Schönes, schließlich biete sich die Gelegenheit zum Reiten nicht immer.

Die Reitstunde beginnt. Götz reitet mit drei Mädchen in einer ganz normalen Schulstunde mit. Die Abteilung reitet in der Halle hintereinander her. Erst Schritt, dann Trab und auch Galopp wird geübt. Zügel nachfassen, Matthias, ruft Reitlehrer Roland Matt ihm zu, als die Reiter ihre Pferde auf einer geraden Linie durch die Halle steuern müssen. Doch dann pariert Tornado durch. Weiter Matthias, das geht im Trab, spornt Matt seinen Reitschüler an. Heute ist er ein bisschen faul, wispert Götz, der alle Hände voll zu tun hat, sein Pferd im Trab zu halten. Als ein Quad an der Reithalle vorbeifährt, erschrecken die Pferde und galoppieren los. Einige Sekunden später haben alle ihre Vierbeiner wieder unter Kontrolle. Das sind Sachen, die müssen die Pferde lernen, sagt Matt. Auch auf dem Tellplatz.

Vom Pferd gefallen ist Götz glücklicherweise noch nie bei einem Auftritt. Bei einer Probe allerdings schon. Auf der Bühne muss er da besonders auf sich aufpassen, denn einen Reithelm trägt er da natürlich nicht. Bis jetzt gingen alle Unfälle glimpflich aus, hofft der 49-Jährige, dass das auch so bleibt.

Für Tornado ist die Arbeit auf der Bühne Neuland. Da muss man mit Geduld und Spucke üben, verdeutlicht Reitlehrer Matt. Wichtig sei zudem, eine Verbindung zu dem Tier aufzubauen. Schließlich sei es kein Spielzeug, sondern ein Lebewesen. Aber Tornado hat einen ruhigen, braven Charakter, sieht Matt keine Probleme, dass alles klappen wird. (Mirjam Hliza)

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