Badisches Tagblatt, 24. Juni 2019

Tollkühne Reise des Lügenbarons um die Welt

Als Lügenbaron ist er weltberühmt geworden: Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen. Die Erzählungen des aus Bodenwerder stammenden Adligen, die es mit der Wahrheit nie genau nehmen, wurden unter anderem von dem Dichter Gottfried August Bürger in eine literarische Form gebracht. Die Geschichten um den legendären Baron stehen so in einer langen literarischen Tradition, die bis ins klassische Altertum zurückgeht. Die Volksschauspiele Ötigheim präsentieren nun ihre Sicht auf den Lügenbaron – ein Nachfahre der Familie von Münchhausen war bei der Premiere anwesend -, die auf dem berühmten UFA-Film von 1943 mit Hans Albers in der Titelrolle basiert. Für Münchhausen schrieb der unter den Nationalsozialisten mit Schreibverbot belegte Erich Kästner unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch. Auch wenn Münchhausen kein vordergründiger Propagandafilm war, sollte dieser teure UFA-Farbfilm mit seinen für die damalige Zeit spektakulären technischen Tricks den Durchhaltewillen und die schwindende Siegeszuversicht der vom Krieg ausgelaugten Bevölkerung stärken.Auf Deutschlands größter Freilichtbühne erscheint der legendäre Münchhausen in einer auf der UFA-Verfilmung basierenden Theaterfassung von Johanna Schall und Grit van Dyck. Die Brecht-Enkelin Johanna Schall führt auch in dieser mit spektakulären optischen Momenten nicht geizenden Aufführung Regie. Das Leben des Lügenbarons wird in eine in der Gegenwart angesiedelten Rahmenhandlung gestellt. Sofie von Riedsel (Leah Patzelt) und der von Maximilian Knapp gespielte Freiherr von Hartenfeld bedrängen Münchhausen anlässlich des 90.Geburtstages seiner Frau, noch mehr von seinen Geschichten zu erzählen.Hier fangen Gegenwart und Vergangenheit an zu verschwimmen, eine fanatische Lebensreise beginnt. In der der arabische Hengst des Barons ebenso wie sein treuer Diener Kuchenreutter mit seinem überdimensionierten Gewehr wichtige Rollen spielen. Das zumindest gelegentlich sprechende Pferd – Judith Herz bewährt sich als seine Stimme – muss einiges erleiden, wird in der Mitte von einem Fallgitter durchtrennt und wieder zusammengeflickt, als muslimisches Tier gar versehentlich im tiefsten Winter an einer Kirchturmspitze festgebunden, was nach erfolgter Schneeschmelze zu einer äußerst unangenehmen Situation führt.Wo immer Münchhausen auftaucht, sind auch von ihm faszinierte Frauen zugegen wie die umschwärmte Sängerin Louise La Tour, die von Anna Hug mit viel Körpereinsatz gespielt wird. Die Vorzüge der Dame liegen aber weniger in ihren sängerischen Möglichkeiten als ihren erotischen Qualitäten, was sie unfreiwillig unter der Mithilfe des Lügenbarons auf der Opernbühne mit dem Herzog von Braunschweig in einer eindeutigen Situation zeigt. Der ist über Münchhausens Intrige wenig begeistert, worauf dieser sich gen Russland davonmacht. Wobei er die Intrigantin und Zauberin Gräfin Josepha Balsamo Cagliostro trifft, von Ulrike Karius mit entsprechender Skrupellosigkeit und Herrschsucht zu den Klängen von We are the Champions versehen. Aber die angestrebte Herrschaft über Polen reizt ihn nicht, der leben, nicht herrschen will. Später hilft Münchhausen ihr dennoch aus einer prekären Lage am russischen Hof der Zarin Katharina II, wofür die Zauberin ihm ewige Jugend schenkt. Die Zarin, von Leonora Mihajlov mit entsprechender erotischer Präsenz versehen, hat auf Münchhausen auch ein Auge geworfen, was ihm den Hass von Fürst Potemkin (Maximilian Tüg) einbringt. Der verhilft  ihm denn auch während des Krim-Krieges gegen die Türken zu seinem legendären Ritt auf der Kanonenkugel, was auch auf der Freiluftbühne dank geschickt eingesetzter illusionistischer Mittel ihren Effekt nicht verfehlt.Dieser Flug bringt ihn nach Konstantinopel. Als Gefangener des brutalen Sultans, den Martin Kühn mit einer Prise Ironie versieht, muss er mit seinen Lügengeschichten um sein Leben und das von Christian Kuchenreutter ringen, der von Paul Hug souverän in verschiedenen Altersstufen gespielt wird. Nach dem Serail des Sultans führt Münchhausens Lebensreise gar auf den Mond, wo er, der nicht altert, das ergreifend gestalte Ende seines Dieners miterleben muss.

Münchhausen durchläuft den Wandel der Zeiten, die Französische Revolution ebenso wie die Kriege des 19. Jahrhunderts, aber auch Verdun und die Niederlage vor Stalingrad. In der Gegenwart der Rahmenhandlung angekommen ist er des ewigen Lebens und des Sterbens geliebter Menschen neben sich wie seiner Frau überdrüssig. Er verzichtet mit Anspielungen auf Goethes Faust auf das Geschenk der Zauberin Cagliostro. Sebastian Kreutz, aus seinen Tagen im Ensemble des Badischen Staatstheaters unter Knut Weber, als das Karlsruher Schauspiel eine kurze, aber längst vergangene Blütezeit erlebte, bestens bekannt, ist dieser Schwadroneur und Frauenheld, ein sympathischer Aufschneider, unterhaltsam und nie um eine Geschichte verlegen. Kreutz gibt ihm immer eine Spur spielerischer Leichtigkeit mit, die Lebens- und Abenteuerlust des Münchhausen, der sich immer wieder aufs Neue verliebt und geliebt wird, versieht er mit einer Spur entwaffnender Ironie. Die Wandlungsfähigkeit von Kreutz ist ebenso famos wie er auch auf dem Rücken seines Pferdes eine gute Figur macht. Auch wenn die von Johanna Schall geschickt geleitete Aufführung mit Augenfutter nicht geizt, die farbenprächtigen Kostüme von Jenny Schall den russischen Hof ebenso wie den Harem des Sultans oder das Leben am niedersächsischen Stammsitz Bodenwerder (Bühne Bettina Scholzen) geschickt illustrieren, ebenso wie die verschiedenen Tanzgruppen oder die immer wieder gekonnt in Szene gesetzte Reiterei der Volksschauspiele Ötigheim für viel Szenenapplaus sorgen, so trägt doch Sebastian Kreutz mit Unterstützung seiner Kollegen und Kolleginnen dank seiner Bühnenpräsenz und der Ausstrahlung das Stück, wobei er jeder noch so fantastischen Geschichte des Lügenbarons ein Körnchen Wahrheit zu entlocken vermag.

Münchhausen steht bis 1. September auf dem Spielplan. (Thomas Weiss)

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