Badische Neueste Nachrichten, 10. November 2014

Tim Burton lässt kräftig grüßen

Was für ein Theatervergnügen. Besser hätten die Volksschauspiele nicht in die Wintersaison starten können. Mit der Aufführung von Peter Turrinis Komödie Die Wirtin frei nach Carlo Goldoni landete der Schauspielnachwuchs einen Volltreffer und durfte auf der kleinen Bühne eine umjubelte Premiere feiern. Hut ab vor den jungen Darstellern des Jugendclubs, die mit Spielfreude und Können dem Spiel um Schein und Sein, Wahrheit und Täuschung, Liebe und Ökonomie ihren Stempel aufgedrückt haben. Hut ab auch vor Regisseur Frank Landua, der das lebenspralle Stück gekonnt in die heutige Zeit übertragen und mit leichter Hand in Szene gesetzt hat.

An derben Scherzen und erotischen Anspielungen herrschte kein Mangel. Ebenso wenig an gesellschaftskritischen Tönen. Dass sich die teils stark überzeichneten Figuren in ihren fantasievollen Kostümen auf einer Bühne austoben durften, die mit ihren Blutspritzmustern und Spinnennetzen, ihrem Schlafgemach mit roter Riesencouch, surreal gewelltem Schrank mit Totenkopf im Regal und zur Raute verzerrtem Fenster stark an Tim Burtons Filmästhetik erinnerte, passte gut ins Bild des Eingewoben und Gefangenseins der Figuren und verlieh der Inszenierung eine märchenhaft-skurrile Note.

Dreh- und Angelpunkt des Stückes, das um 1740 in Florenz spielt, ist die lebenstüchtige, unverheiratete Wirtin Mirandolina – temperamentvoll, resolut und mit jugendlichem Elan gespielt von Melanie Wild. Die emanzipierte Geschäftsfrau wird von mehreren männlichen Gästen heiß umworben. Hans Kleinhans gibt mit hochmütiger Noblesse und sich überschlagender Fistelstimme den verarmten Marchese von Albafiorita, einen Schmarotzer, der mangels monetärer Alternativen ständig von seinem Titel und seiner Protektion faselt. Herrlich unnahbar und selbstverliebt: Lukas Tüg in der Rolle des steinreichen Grafen von Forlinpopoli, der materialistisch auf seinen Reichtum pocht und glaubt, er könne die Wirtin mit Geld und teuren Geschenken rumkriegen.

Während die lächerlichen, blutleeren Aristokraten an ihrer verschnörkelten Sprache fast zu ersticken drohen, redet der dritte Verehrer lieber Klartext und flucht, wenn’s sein muss, auch mal auf Italienisch. Sven Engel überzeugt als neapolitanisches Schlitzohr. Mit ungekünstelter Frische spielt er den verschlagenen Kellner Fabrizio, der ein Auge auf seine Chefin und das andere Auge auf ihr Gasthaus geworfen hat. Weil er ob der adeligen Konkurrenz befürchtet, bei Mirandolina nicht landen zu können, engagiert er zwei schillernd „ordinäre“ Schauspielerinnen, die die Nebenbuhler von der Wirtin ablenken sollen. Sarah Weingärtner als Baronin Ortensia und Leonora Mihajlov als Gräfin Dejanira beweisen, urkomisch in bunten Klamotten über die Bühne stapfend, augenrollend und überaus aufreizend, als geldgierige Suffragetten ihr komödiantisches Talent. Da staunt selbst Bürgermeister Frank Kiefer, als er plötzlich Ortensia auf seinem Schoß sitzen hat.

Mirandolina hat inzwischen die Intrige aufgedeckt und wendet sich dem eleganten, aber verklemmt-gefährlichen Cavaliere von Rippafratta zu. Julian Baumstark gibt den überzeugten Frauenhasser grandios und mit viel Witz. Köstlich und zum Brüllen komisch, wie sich der zölibatäre Ritter dank gutem Essen, viel Wein und weiblicher Verführungskunst von der blutleeren Sardine in einen scharfen Haifisch verwandelt, den Reizen der Wirtin erliegt und im Alkoholrausch seine Fassung verliert.

Mirandolinas Interesse an ihm ist wie weggeblasen. Sie rechnet mit ihren Verehrern ab – und kriegt nach vielen Irrungen und Wirrungen Fabrizio. Doch die beiden haben alles verloren: Freiheit, Besitz und Arbeit. Das Gasthaus gehört jetzt, wie sich herausstellt, dem an der Nase herumgeführten Cavaliere. Ein „Schein-Happy End“ – und ganz zum Schluss Rippafrattas Botschaft: Das einzige, was zählt, ist Macht und Geld. Der Vorhang fällt. Prädikat: absolut sehenswert! (Ralf Joachim Kraft)

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