Badisches Tagblatt, 1. Juli 2019

Tierisches Denken auf der Bühne

Ein Kinderstück ist etwas ganz Besonderes, man spürt die Emotionen der jungen Zuschauer, hört deren Spaß, die Kommentare zum Geschehen, aber auch Warnrufe, wenn es brenzlig wird, freut sich Lucy Schindele auf ihre Titelrolle bei den Volksschauspielen Ötigheim (VSÖ) in dem Märchen Der Gestiefelte Kater. Premiere ist am 13. Juli.

Bei ihrem Spiel interagiert Lucy im Sommer mit den Kids, denn der Kater braucht ab und an Hilfe aus dem Zuschauerraum. Das wird toll, meint die 18-Jährige. Mit den Brettern, die die Welt bedeuten, ist Lucy vertraut. In den Jahren 2013/14 war sie als Heidi auf dem Tellplatz zu sehen, lieferte auf der Kleinen Bühne in Max und die Käsebande (2016/17) sowie Der Drache (2017) sehenswerte Schauspielkunst ab. Als sprechender Kater praktiziert sie nun tierisches Denken, handelt wie eine Katze und kriegt das umwerfend hin.Für Chase Tolbert ist der Müllersohn Fridolin die erste große Rolle in der Freilichtarena. Dafür stellte der 20-Jährige, der auf der Kleinen Bühne im Herbst als Oronte in der gekürzten Fassung von Molières Der Menschenfeind Eindruck machte, alle anderen Hobbys hintenan. Denn für Proben beim Männergesangverein 1863 sowie mit dem Mandolinen- und Gitarrenorchester hatte der kulturelle Multitasker in der Vorbereitung auf das VSÖ-Kinderstück wenig Zeit. Ein besonderer Moment war es für das Kater-Ensemble, mitten in der Probenphase erstmals vollständig in Kostüm und Maske für einen Fototermin in ausgewählten Szenen auf der Bühne zu stehen. Profifotograf Jochen Klenk fertigt seit neun Jahren für alle Produktionen der VSÖ die Aufnahmen für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Der berufliche Schwerpunkt des Lichtbildners aus Karlsruhe ist die Bühnenfotografie. Ich fotografiere für eine Reihe von Theatern im süddeutschen Raum deren Proben, erklärt er seinen Job. Bestimmte Dinge einer Bühnenproduktion seien durch das Stück vorgegeben, wie Regie, Kostüme, Licht. Trotzdem bieten sich dem Fotografen viele Gelegenheiten, in sein Handwerk künstlerische Gestaltungsmittel einfließen zu lassen, den Aufnahmen somit eine persönliche Note zu verleihen, sagt Klenk. Er betont durch gezielte und besondere Anschnitte, Bewegungsunschärfen sowie Schärfe- und Unschärfekontraste die Aussage eines Stücks. Soll heißen, ich entscheide in jedem Moment, welchen Rahmen ich dem Gesehenen setze, welche Personen ich fokussiere, welche Emotionen ich festhalte und welche Lichtstimmungen ich wie hervorhebe. Die Faszination in seiner Arbeit liege darin, ein Stück nicht nur zu dokumentieren und schön aussehen zu lassen, sondern besondere Momente einer Theaterproduktion festzuhalten für den Betrachter. Neu und mit zeitgemäßem Text inszeniert Torsten Krug das Märchen auf Basis der Vorlage von Herbert Broeren. Die Musik komponierten Maria und Bernard Bagger. Sie erinnert in der rockigen Untermalung der Auftritte des Zauberers Manipulu an die Titelmusik der TV-Serie Babylon Berlin. Ein Novum ist, dass Der Gestiefelte Kater nur im Theatersommer 2019 gespielt wird. 2020 wird Der Zauberer von Oz gespielt. (Manuela Behrendt)

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