Badische Neueste Nachrichten, 31. Mai 2017

Vom Thesenanschlag bis zum Bauernkrieg

Das Stück tastet sich an den wichtigen Momenten, Stationen und Daten im Leben Martin Luthers entlang. Es geht weniger um die Geschichte der Reformation als vielmehr darum, die Person und deren Entwicklung zu beleuchten und Vorurteile oder vorgeformte Ideen in Bezug auf diesen Menschen, über den man viel zu wissen glaubt, zu hinterfragen“, berichtet Rebekka Stanzel, die auf Deutschlands größter Freilichtbühne Felix Mitterers Schauspiel Luther inszeniert.
Der Tiroler Gegenwartsautor hatte das Bühnenwerk im Auftrag der Volksschauspiele geschrieben. Im Zentrum stehen 20 Jahre im Leben jenes Mannes, der mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel der römisch-katholischen Kirche die Reformation einleitete.
Stanzel wird zum Reformationsjubiläum in großen Bögen die Entwicklung Luthers ab seinem Eintritt ins Augustinerkloster 1505 bis hin zu den Bauernkriegen, seiner Heirat mit Katharina von Bora und dem Massaker an den Bauern bei Frankenhausen (Kyffhäuser) 1525 beleuchten. Die Premiere ist am 17. Juni um 20 Uhr.
Mit bis zu 400 Mitwirkenden, großen Chören, Reiterei, Tanz, opulenter Ausstattung und einer anspruchsvollen Bühnenmusik (Hans-Peter Reutter) zeichne das Schauspiel in einer Art Zeitraffer Luthers Weg und seine Veränderung nach, berichtet Stanzel. Luther, gespielt vom Schweizer Simon David Grossenbacher (46), entwickle sich in diesen 20 Jahren vom schüchternen, zerrissenen, unsicheren Studenten, der sich mit seiner Entscheidung fürs Kloster gegen den übermächtigen Vater auflehnt, zu einem von sich selbst extrem überzeugten geistigen Lehrer, der ein durchaus widersprüchliches Wesen und auch seine Schattenseiten hatte. Durch die Struktur des Schauspiels, das Zusammenziehen vieler Einzelszenen zu längeren Verläufen und Komplexen, könne es leicht passieren, dass der Zuschauer den Überblick über die tatsächlich verstrichene Zeit verliert, erzählt Stanzel, die ihren Erstkontakt zu den Volksschauspielen einem Workshop des Landesverbandes Amateurtheater im Jahr 2008 verdankt. Der zweite Besuch der leidenschaftlichen Theaterfrau mit internationaler Erfahrung in Regie, Lehre und Schauspiel dauerte etwas länger. Denn die gebürtige Karlsruherin, die in Heidelberg und Genf aufgewachsen ist und heute in Braunschweig lebt, inszenierte 2013 auf dem Tellplatz mit großem Erfolg den Mittelalter-Krimi Der Name der Rose nach dem Roman von Umberto Eco in einer opulenten Bühnenfassung von Claus J. Frankl.
Ihrer neuen Herausforderung Luther“ widmet sich Stanzel vor der Kulisse mit der Wartburg als dem neuen zentralen Gebäude mit demselben Enthusiasmus. Mit den Proben begann sie im März. Der relativ spät gelieferte Text hatte stark filmische Züge, war in der vorliegenden Fassung nicht spielbar und musste erst noch bearbeitet werden, sodass wir erst im Dezember eine spielbare Vorlage hatten. Die Arbeit mit einem engagierten Ensemble an einem komplexen Stück mit vielen Gegenwartsbezügen, noch dazu auf einer Bühne mit vielen tollen Möglichkeiten empfinde sie als sehr bereichernd, erzählt Stanzel, die seit Herbst 2011 als freischaffende Theater- und Musiktheaterregisseurin, Schauspiellehrerin und Expertin für Körpersprache und Kommunikation tätig ist. „Ich arbeite gerne mit Laien und lege Wert auf die Arbeit am Textinhalt und mit der Sprache. Laien sehen manches anders als die Profis, sind viel freier und man sieht bei ihnen andere Entwicklungen.“ Eine Herausforderung in Ötigheim sei freilich die Probenorganisation.Unterstützt wird Regisseurin Stanzel von Sabine Speck und Sabine Stößer (Regieassistenz). Für das Kostümbild zeichnet Karel Spanhak verantwortlich. (Ralf Joachim Kraft)

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