Badisches Tagblatt, 4. Mai 2015

Theater-Gen pflanzt sich von einer zur nächsten Generation fort

Dass komplette Sippschaften bei den Volksschauspielen in Ötigheim generationsübergreifend auf und hinter der Bühne ihren persönlichen Traum leben, hat Tradition. Menschen aus allen denkbaren Berufssparten im Haupterwerb bringen individuelle Meinungen ein, vernetzen sich für das Amateurtheater, arbeiten Hand in Hand, hinterlassen einprägsame Spuren für ein gemeinsames Ziel: Ihrem geliebten Hobby zu frönen und als scheinbare Nebensächlichkeit hochwertige Unterhaltung zu liefern.

Beispielhaft für Engagement und Begabung in vielerlei Bereichen steht die Inszenierung von Ottfried Preußlers Geschichte über Die kleine Hexe und ihren schwarzgefiederten Kumpel Abraxas. Das gesamte Team besteht aus hauseigenen Kräften der VSÖ. Baffe Anerkennung findet diese Tatsache nur bei Außenstehenden. Die Dinge beherzt und mit Leidenschaft selbst anzugehen, gehört einfach zu uns; das macht uns aus, sagt Isabel Beckert. Die Darstellerin der kleinen Hexe hat ihrem Ehemann und den drei Töchtern den Ötigheimer Theaterverein erfolgreich schmackhaft gemacht. Beckert wurde in einen typischen Tellplatzclan hineingeboren, teilt ihr VSÖ-geprägtes Heranwachsen mit Regisseur Matthias Götz und Patrick Speck, der neben seiner Tätigkeit als Regieassistent souffliert und im Orchester die erste Violine spielt.

Jedes Vereinsmitglied hat sich Betätigungsfeld und Zeitmaß der Arbeit selbst gewählt, informiert Kostümbildnerin Ulrike Weßbecher. In ihrer Familie ist nur sie vom Tellplatzvirus befallen, ließ sich aus einer spätpubertären Laune heraus von Freundinnen zum Singen im Chor überreden, ist hängengeblieben, übernimmt neben dem Kostümdesign kleinere Rollen. Weßbechers Potenzial sind ihr Interesse an Geschichte und Literatur sowie die Geduld, historische Trends zu recherchieren. Ihre ideenreichen Skizzen lassen sich in der Schneiderei problemlos umsetzen. Tobias Kleinhans kam wegen der Schauspielkunst zu den VSÖ, macht in der Statisterie mit, engagiert sich in diversen Gremien und spielt den Raben Abraxas. Tobias ist ein Nachwuchstalent, das sich im Jugendclub profiliert hat, sagt Regisseur Götz, dessen Großmutter im Gründungsjahr 1906 auf der Freilichtbühne spielte. Sein Theater-Gen führt der 48-Jährige auf seine Mutter zurück, die im Ballett tanzte. Seit frühen Jugendtagen verfolgte er alle Aufführungen. Mit elf Jahren zog Götz Im Weißen Rössl einen Bollerwagen über die Bühne, erlebte vor fast 4000 Zuschauern ein unbeschreibliches Gefühl. Kleineren Rollen folgten bekannte Charaktere: Aramis (Die drei Musketiere), Bernard Gui (Der Name der Rose) sowie seine Traumrolle als Boanlkramer (Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben).

Für den Erfolg der VSÖ kennt Götz das Geheimrezept: Nicht der Zwang zur Leistung ist beherrschend; die Menschen machen das, was sie tun, aus vollem Herzen, stehen zuverlässig und vor allem motiviert zur Sache.

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