Badische Neueste Nachrichten, 3. April 2018

Tellplatz beginnt wieder zu leben

Bald spielt in Ötigheim wieder Volk fürs Volk. Gleich zu Saisonbeginn gibt’s einen nostalgischen Operettenhit, der in der Rheinpfalz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt – und bei dem es, soviel sei schon mal verraten, ziemlich munter und volkstümlich zugeht. Es ist Ostermontag. Die Presse erhält bei den Volksschauspielen gerade einen allerersten Vorgeschmack auf den 112. Theatersommer. Auf dem Tellplatz beginnt die traditionelle erste Volksprobe zur launigen, am 10. Januar 1891 in Wien uraufgeführten Erfolgsoperette Der Vogelhändler des Juristen und Komponisten Carl Zeller, die erstmals auf der Naturbühne aufgeführt wird. Premiere ist am 16. Juni.

Geprobt wird in Alltagskleidung. Zuerst versammeln sich die Sängerinnen und Sänger auf der Zuschauertribüne und üben nach dem Einsingen noch einmal Teile der quantitativ größten Chorpartie in der Geschichte der Volksschauspiele. Mit den Worten Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind auf der Bühne das A und O, schwört Regisseur Manfred Straube, der auf dem Tellplatz unter anderem schon My Fair Lady, Jesus Christ Superstar, Die Zauberflöte oder „Anatevka“ in Szene gesetzt hat, die Aktiven ein. Dann geht’s von den Zuschauerrängen hinunter auf den Platz. Straube, selbst ausgebildeter Sänger, inszeniert den Vogelhändler – orientiert an Walter Felsensteins vielbeachteter Inszenierung – werkgetreu als beschwingtes, humorvolles und opulent ausgestattetes Theatervergnügen und sprich dabei von einem „Paradebeispiel für realistisches Musiktheater“, das für die Naturbühne wie geschaffen sei.

213 Sängerinnen und Sänger der VSÖ-Chöre, des MGV 1863 Ötigheim und des Extrachors des Badischen Staatstheaters bestimmen zusammen mit 44 VSÖ- und Profi-Solisten (die Rollen sind alle doppelt besetzt) maßgeblich das Bühnengeschehen und erfreuen mit Ohrwürmern wie Grüß euch Gott, alle miteinander, Ich bin die Christel von der Post oder Schenkt man sich Rosen in Tirol. Doch nicht nur die singende Zunft und die Solisten sind an diesem Nachmittag drei Stunden lang gefordert, sondern auch die knapp 100 Statisten, die als Kellner, Gaukler, Jongleure, Stelzenläufer, Gendar me, Wirtshausbesucher und Marktfrauen die Bühne bevölkern. Für die imposanten Massenauftritte arbeiten Kostümbildner Peter Sommerer und die Schneiderei unter der Leitung von Olga Knack schon an den prächtigen Kostümen. Bei späteren Proben werden noch 25 Ballett-Tänzerinnen, die Reiterei mit zehn Pferden, zwei Esel, zwei Gespanne und eine Postkutsche hinzukommen.

Die Operette in drei Akten mit einer voraussichtlichen Aufführungsdauer von drei Stunden handelt von Adam, dem stets vergnügten Vogelhändler aus Tirol, und der feschen Christel von der Post, die er liebt und heiraten möchte. Die überraschend angekündigte Wildschweinjagd des pfälzischen Kurfürsten sorgt für allerlei Verwicklungen: Die Post-Christel ist als Ehrenjungfrau für seinen Empfang vorgesehen. Kurfürstin Marie verkleidet sich als einfaches Bauernmädchen und will ihren Gatten überraschen. Der jedoch hat die Jagd kurzfristig abgesagt.
Weil der kurfürstliche Wald- und Wildmeister, Baron Weps, aber schon Bestechungsgelder für eine Audienz kassiert hat, muss ein Double her. Sein Neffe, der verarmte Graf Stanislaus, gibt sich als falscher Kurfürst aus und verwickelt die Post-Christel in einen Schwindel. Während der klamme Baron und sein verschuldeter Neffe sich finanziell zu sanieren trachten, will die alternde Hofdame Adelaide unbedingt heiraten. Erwähnt man noch den Bürgermeister Schneck und die weinseligen Professoren Süffle und Würmchen, wäre das Personal komplett. Natürlich endet die Operette mit einem romantischen Happy End. (Ralf Joachim Kraft)

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