Badisches Tagblatt, 16. Juni 2015

Beeindruckende szenische Dichte

15 Jahre ist es her, dass Die Passion des legendären Gründers der Ötigheimer Volksschauspiele, Josef Saier, zuletzt am Ort ihrer Entstehung zu sehen war. 1948 war das Stück des Pfarrers, der die größte deutsche Freilichtbühne 1906 ins Leben rief, erstmals hier zu sehen gewesen. Damals spielte der große Schauspieler Kurt Müller-Graf, der lange am Badischen Staatstheater engagiert war und später die Ettlinger Schlossfestspiele gründete, den Jesus. Der Pfarrer, der vor 60 Jahren starb, nutzt in seiner theatralischen Fassung der Leidensgeschichte Jesus, die zugleich christliche Heilsgeschichte ist, alle Möglichkeiten der Bühne. Dramaturgisch besonders gelungen ist es, mit Luzifer, dem personifizierten Bösen, Jesus einen Versucher als Gegenspieler in der Passion gegenüberzustellen, der die Handlung vorantreibt, nach christlicher Lesart aber Teil des göttlichen Heilsplanes bleibt. Zugleich war es aber die Intention des katholischen Priesters, den Sühnetod Christi mit der katholischen Liturgie und dem Messopfer verbinden zu wollen. Die Verkündigung bleibt so Teil des emotional packenden Spiels.

Für die Inszenierung Der Passion greift Regisseur Stefan Haufe, der schon 2013 erfolgreich in Ötigheim – bei Leon Jessels Schwarzwaldmädel – Regie führte, ins pralle Theaterleben und nutzt das gesamte Potenzial, das Deutschlands größte Freilichtbühne zu bieten hat.

Der Erfolg der Volksschauspiele Ötigheim beruhte schon immer auf der Beteiligung der Bevölkerung, der vielen Laien-Darsteller, die sich auch in diesem Jahr bei der Passion mit viel Engagement einbringen. Augenfutter wird wieder viel geboten, die Regie nutzt die groß dimensionierte, von Bettina Scholzen eingerichtete Bühne zu geschickt choreografierten Massenauftritten wie beim umjubelten Einzug des Messias nach Jerusalem. Und bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel darf auch die Menagerie der Tiere, dramaturgisch durchaus sinnvoll eingesetzt, nicht fehlen. Dass Haufe mittels daddelnder Kinder die Überzeitlichkeit des Geschehens an die Gegenwart und nach christlicher Auffassung auch der Zukunft heranholt, wirkt im sonstigen historischen Kontext des Stückes, der an den sonstigen Kostümen von Peter Sommerer festzumachen ist, etwas aufgesetzt.

Die Regie setzt ganz auf die darstellerische Kraft und den Enthusiasmus der Darsteller, scheut den großen Effekt bis hin zum religiösen Kitsch nicht. Die berühmten Reiterauftritte, in Ötigheim ein nicht wegzudenkender Teil des Aufführungen, die den römischen Usurpatoren um Pontius Pilatus im Heiligen Land zugeteilt sind, hätten sich aber durchaus noch effektvoller in Szene setzen lassen. Die Auftritte der jungen Tänzerinnen der Tanzgruppe der Volksschauspiele (Choreografie Andrei Golsecu und Julia Krug) wird in dieser Inszenierung ebenfalls der dekadent gezeichneten Welt der Römer zugeteilt.

Eric van der Zwaag ist ein in seiner Sendung ebenso wie in seinem Schmerz packender Darsteller des Jesus. Die emotionale Kraft, mit der er dessen Passionsweg gestaltet, von den frühen Wundern über die Gewissheit, mit der er seine Jünger anleitet, bis zu den Selbstzweifeln im Angesicht des Todes werden von ihm eindringlich gestaltet. Er scheint keine Distanz zu der Rolle zu kennen, zeigt Jesus als Mitfühlenden, als Lehrer seiner Jünger, aber auch als zornigen Propheten, der die Händler ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Friedensbotschaft mit körperlichem Nachdruck aus dem Tempel vertreibt. Van der Zwaag zeigt Jesus auch in den berührenden Szenen mit seiner Mutter Maria (einfühlsam Bernadette Kölmel) oder in den Momenten des Zweifels sehr differenziert. Hier findet die Regie immer wieder zu Momenten von beeindruckender szenischer Dichte.

Androgyn gezeichnet wird Luzifer, bei der Premiere von Ulrike Karius im schwarzen Anzug mit roten Farbtupfern als mafiöse Gestalt gespielt. Die Faszination des Bösen wird von ihr äußerst intensiv, aber ohne Überzeichnung verkörpert. Die verführerische Kraft dieser Figur, die Judas ebenso zum Verrat anstachelt wie sie den Hohepriester Kaiphas darin bestärkt, den Kontrahenten um die Macht und religiöse Deutungshoheit töten zu lassen, ist stets spürbar.

Alexander Grünbachers Judas, der vom begeisterten Anhänger Jesus zum Verräter wird, ist in Ötigheim geprägt von nicht erfüllten Erwartungen. Gemeinsam mit der Gruppe der Rächer, die einen Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht planen, hat er die Rolle Jesus‘ als eine primär politische, nicht als die des Erlösers gesehen, und begeht den tödlichen Verrat letztlich aus Enttäuschung.

Paul Hug gestaltet Kaiphas, den Anführer des Hohen Rates, als einen intriganten Politiker, der selbstgerecht die eigene Machtposition gegenüber dem Emporkömmling Jesus verteidigen und ihn deshalb töten lassen will. Ausdrucksstark auch Fritz Müllers arroganter Pontius Pilatus, der sich nur widerwillig für die Machtspiele der jüdischen Priester einspannen lassen will. Seine Schuld liegt darin, dass er dem aufgeputschten Volk einen Unschuldigen aus Gründen der politischen Opportunität opfert. Neben den oft beachtlichen darstellerischen Leistungen in den größeren Rollen ist es immer wieder das engagierte Kollektiv der Frauen, Männer und Kinder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele, die zum geschlossenen Eindruck der Premiere Entscheidendes beiträgt.

Neben dem ansprechend singenden Engel von Lisa Hähnel, deren Sopran nur gelegentlich in der Höhe etwas eng wird, können auch die Chöre der Volksschauspiele sowie der Männergesangverein 1863 und der Frauenchor BelleAmie Ötigheim mit ihrem stimmlichen Einsatz überzeugen. Die musikalische Gesamtleitung der Komposition von Karl Schauber, die Versatzstücke aus dem 19. Jahrhundert mit Anklängen an Hollywoods Bibelfilme zu verbinden scheint, liegt bei Ulrich Wagner. Der Chordirektor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe bemüht sich mit Nachdruck, der oft austauschbar wirkenden Musik so etwas wie eine eigene musikalische Handschrift angedeihen zu lassen. (Thomas Weiss)

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