Badisches Tagblatt, 24. Mai 2019

Hoch zu Ross kreuz und quer über die Bühne

Lautstark füllt sich der haushohe Plastikschlauch mit Luft. Noch ist Sancho das nicht ganz geheuer: Hektisch trippelt der Schimmel-Hengst rückwärts, die Ohren legt er an – alle Zeichen stehen auf Flucht. Doch Andreas Wolter spricht mit dem Pferd und führt es unaufgeregt immer weiter an den Schlauch heran. Von Nervosität gibt es nun keine Spur mehr. Bald wird Sancho diese Gelassenheit auf der Ötigheimer Freilichtbühne unter Beweis stellen müssen: Er und ein weiteres Stuntpferd sind im Stück Münchhausen zu sehen.

Für die erste Probe mit dem Schlauch war das richtig gut, sagt Wolter anerkennend. Auch der Andalusier-Wallach Galan hat die Aufgabe mit Bravour gemeistert. Zum ersten Mal sind Sancho, Galan, Wolter und die zweite Tiertrainerin Stephanie Kröcker bei den Ötigheimer Volksschauspielen dabei. Die Truppe aus Köln ist begeistert: Es ist richtig gut, hier zu arbeiten. Beispielsweise wurden hinter der Bühne extra Einstellboxen für unsere Pferde gebaut. Das Feingefühl im Umgang mit den Tieren ist hier vorhanden. Das ist beim Film, wo alles schnell gehen muss, teilweise anders, sagt Wolter.

Münchhausen-Darsteller Sebastian Kreutz und Judith Herz, die dem Pferd über Lautsprecher ihre Stimme geben wird, trainieren seit rund drei Monaten gemeinsam mit den beiden tierischen Schauspielern. Sogar in den Stall nach Köln sind sie dafür gefahren. Drei Probenblöcke gab es bisher zudem in Ötigheim. Für beide war die Arbeit mit den Pferden Neuland. Kreutz, der in der Inszenierung wie wild über die Bühne reiten und unter anderem über einen Schlagbaum springen wird, musste im Vorfeld Reitstunden nehmen. Doch habe es ihm Sancho leicht gemacht, absolut großartig sei das Pferd, so Profi-Schauspieler Kreutz.Galan wird hingegen sogenannte zirzensische Aufgaben erfüllen, also Zirkustricks aufführen, die Herz ihm einflüstern wird – etwa auf Kommando steigen oder sich hinlegen. Eine sehr schöne Rolle, sei das, sagt Herz, die eigentlich Maschinenbau studiert. Mittlerweile haben die beiden ein gutes Gespür für die Pferde. Sie investieren viel und machen das sehr gut, urteilt der Pferdeprofi Wolter. Das Schwierigste an seiner Arbeit sei es, Pferd und Schauspieler zusammenzubringen, eine gemeinsame Sprache zwischen Tier und Mensch herzustellen, sodass die das am Ende alleine machen können, sagt Wolter.20 Pferde und 16 Menschen zählt sein Team. Rund 40 Personen, so schätzt er, bieten deutschlandweit überhaupt Pferdestunts an. Die tierischen Schauspieler werden bei Filmen, in Serien oder in Shows eingesetzt: Dort galoppieren sie etwa durch Feuer, reagieren bei Schüssen mit Gelassenheit oder springen sogar über Autos.Das erreiche man aber nicht mit Druck: Ein Pferd kann man zu nichts zwingen. Es ist ja kein Hamster, sondern wiegt 600 Kilogramm. Das Tier macht das aus Überzeugung, so Wolter. Mit diesen Unwägbarkeiten flexibel umzugehen und auf die Bedürfnisse der Pferde Rücksicht zu nehmen, müssten Schauspieler und Regisseure oft erst mühsam lernen. Ruhe und Respekt seien entscheidend: Nur so hätten die Tiere das nötige Vertrauen für die Stunts, erklärt Wolter.Als Judith Herz auf dem Reitplatz sachte mit der Gerte Galans Schulter antippt, streckt der Schimmel das Bein nach vorne. Immer wieder macht er das und nickt dabei mit dem Kopf – als ob er auf weitere Kommandos wartet.

Tiertrainerin Kröcker kommt dazu, nimmt die Gerte und spricht mit dem Pferd; nach wenigen Sekunden liegt Galan auf dem Boden. Noch versteht das Pferd Herz nicht ganz. Es kann aber nur noch ein kleiner Schritt sein, bis es soweit ist. (Franziska Kiedaisch)

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