Badische Neueste Nachrichten, 7. August 2017

Wirbel mit spielerischer Heiterkeit

Vielleicht ist das in Ötigheim ja alles nur ein Traum, der in großem Jubel aufgeht. Ein Traum, der vielleicht nie so lebendig war wie jetzt. Nach knapp drei Stunden spendet das Publikum im ausverkauften Halbrund der Volksschauspiele stehend Beifall, um dem 40-köpfigen Ensemble zu seiner Deutung von Shakespeares Sommernachtstraum zuzujubeln.

Regisseur Thomas Höhne hatte es im Gespräch zur Generalprobe schon gesagt: Der ‚Sommernachtstraum’ lässt sich nicht auserzählen. Solange wir Menschen sind und damit diese Geschöpfe bleiben, die zwischen Macht und Liebe hin- und hergeworfen werden, wird uns dieser Stoff immer betreffen. Und Höhne hat Wort gehalten. Der Schauspieler und Regisseur schafft hier eine Fantasiewelt, die die natürlichen Gegebenheiten das opulenten Geländes präzise auslotet, zu einem phantastischen Ort magischer Realismen ausgestaltet – und ihn dabei doch nicht überreizt. Es ist ein Ort, der uns betrifft.

Das nimmt schon in der Optik seinen Anfang. Kostümbildnerin Ulrike Weßbecher hat die Elfen- und Menschenwelt mit Stoffen zwischen Naturalismus und Realismus zwar scharf voneinander getrennt, mit dem dreifach weiblichen Puck (Sarah Becker, Anna Beckert und Madeleine Kühn) jedoch eine Figur spielerischer Heiterkeit in die Mitte gesetzt, die beide Seiten kräftig durcheinanderwirbelt, um für eine – durch und durch genießbare – Spannung zu sorgen. Das macht den Ötigheimer Sommernachtstraum auch zu einem Glück zeitloser Gültigkeit. Dass nicht hier oder dort noch ein Ornament angebracht, sondern auf die Wirkungskraft des Textes vertraut wird, die nach wie vor ergiebig ist – jedenfalls, wenn er so lebendig durch die Reihen schallt wie hier.

Im durchweg starken Ensemble sind es die leitenden Figuren, die den 160 Minuten vor der großen steinernen Burg Tiefe verleihen und die Wildheit und Humor des Stoffes keineswegs schwächen. Zuvorderst ist da Eric van der Zwaag, der Profi-Gast im ambitionierten Amateur-Ensemble, zu nennen, der den Elfenfürsten Oberon nicht nur Boshaftigkeit und Scharfsinn, sondern auch Verantwortungsbewusstsein und eine emphatische Moral mitgibt, was die Figur zwischen Sorge und Hochmut schweben lässt. Auch die drei Pucks spenden dem Abend durchweg fast schon unverschämt lustige Spitzen eines Humors, dessen guter Geschmack kaum eine Grenze findet. Doch auch und vor allem Paul Hug ist zu loben. Mit welchem Tatendrang er als in der Rolle des theaterbegeisterten Handwerkers Nikolaus Zettel seine Mithandwerker antreibt, jedoch auch selbst zu einer Traumgestalt wird, als er – zum Esel verwandelt – von der Elfenkönigin Titantia (stark, Lissi Hatz) verwöhnt wird: schlichtweg herrlich.

Das die Handlung auslösende Verwirrspiel um zwei junge Liebespaare hat mit Julian Baumstark als Demetrius, Stephanie Kuhn als Hermia, Leonora Mihajlov als grandios zerrissene Helena und Johannes Tüg als strengem Lysander eine Besetzung, die sich ihre Figuren aufs Beste zu eigen macht. Und dann gibt es noch prachtvolle Bilder wie jenes der irrlichternden Elfen am Abhang der Festspielwiese – da ist alles, was einen Shakespeare im besten Sinne ausmachen kann: beherzter Scherz, dramatischer Ernst, tiefgründige Passion und eine Handlungsstringenz, die selbst über die Strecke nichts an Spannung verliert. Was kann, was soll Theater mehr? (Markus Mertens)

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