Die Deutsche Bühne, 6. August 2018

Sommerheißes Krimi-Spektakel

Deutschlands größte, fast 4000 Zuschauer fassende Freilichtbühne der Volksschauspiele Ötigheim, ist mit ihren Breitseiten-Szenarien und beeindruckenden Bühnenbauten ein idealer Spielort für großräumige Theaterspektakel. Also auch für Claus J.Frankls Schauspielfassung des Umberto Eco-Romans Der Name der Rose.

Natürlich muss sich das von Rebekka Stanzel für Ötigheim inszenierte Stück gegen die opulenten Bilder und herausragenden Darsteller des von Millionen von Menschen gesehenen gleichnamigen Bernd Eichinger-Filmklassiker (mit Sean Connery) behaupten. Und schneidet dabei glänzend ab. Der Handlungsort, eine mittelalterliche Benediktiner-Abtei in Italien, ist in Ötigheim ein wuchtiger Klosterbau mit seitlichen Türmen und einem zentralen Portal, aus dem, wenn es sich öffnet, immer wieder Klosterbrüder nach den liturgischen Stundengebeten in ihren schwarzen Kutten herausströmen und chorisch-gregorianisch singend die breite, frontal zum Publikum gewendete Freitreppe herab schreiten – auch ein Gliederungsprinzip in der verwickelten Handlung. Anfangs galoppiert das edle Reitpferd des Abtes herrenlos und wild wiehernd über die ganze Breite der Naturbühne und verstört ankommende Mönche. Auch vornehme Pferde-Karossen oder berittene Soldaten der Entourage des Inquisitors zelebrieren ihre Auftritte neben verarmtem Bauern-Gesindel und zerlumpten Mädchen, die den Mönchen zu Diensten stehen (Bühne Bettina Scholzen, Kostüme Karin Stephany).

Auf der in das schräg ansteigende Publikums-Rund hinein gebauten Vorderbühne sieht man das Skriptorium des Klosters, wo sich kostbare Handschriften und Folianten stapeln. Klosterbrüder sitzen arbeitend an Schreibpulten und diskutieren über ihre Schriften. Auch unterirdisch-labyrinthische Gänge der Theaterkatakomben werden im Spiel genutzt, und natürlich der rechte Klosterturm als Aedificium und Aufbewahrungsort der geheimnisvollen Klosterbibliothek: Bücher und Bibliotheken hat der philosophisch-literarische Tausendsassa Umberto Eco zum „Sinnbild der Kultur“ erklärt, ein anrührendes Mysterium in unserer digitalen Welt.

Hier also betätigen sich der Franziskaner-Mönch William von Baskerville und sein Novize Adson von Melk als Detektive. Mit Ecos Namensgebung wird eine Sherlock Holmes-Erzählung anspielungsreich heraufbeschworen: Nomen est omen. Eigentlich sind sie mit weiteren Franziskanern zu den Benediktinern gekommen, um das franziskanische Armuts-Gebot gegenüber einer Gesandtschaft des korrupten Avignon-Papstes Johannes XXII zu verteidigen. Stattdessen wird der als scharfsinnig berühmte Baskerville vom Klosterabt damit beauftragt, mysteriöse Todesfälle in der Bruderschaft aufzuklären, die anscheinend mit unkeuscher Fleischeslust einiger Mönche, vor allem aber mit einem ominösen, unter Verschluss gehaltenem Buch, einer Abhandlung des Aristoteles über das Lachen, in Zusammenhang stehen. Ein heißer Krimi-Thriller entfaltet sich.

Mit ruhig-konzentrierter Gelassenheit und schöner Artikulation auch der zahlreichen Latein-Zitate stattet Fritz Müller seinen anspruchsvollen Part als Baskerville aus. Auch seine wichtigsten Gegenspieler beeindrucken auf ähnliche Weise. Da ist der von Martin Kühn gegebene Jorge von Burgos, der das Lachen als unchristlich verdammt und sich als Hüter des Aristoteles-Buches aufspielt, dessen Seiten er vergiftet hat, was für mögliche Benutzer tödlich endet. Sowie der von Matthias Götz als aalglatt und menschenverachtend gespielte Inquisitor Bernard Gui. Von großartiger Dramatik ist in Ötigheim die Gerichts- und Folterszene des als Häretiker vor die Inquisition gezerrten Mönchs Remigius von Varagine, den Paul Hug mit körperlicher Wucht, Leidenschaft und dem Zornesausbruch eines Überzeugungstäters, der nichts mehr zu verlieren hat, darstellt. Er outet sich mit Lust als Anhänger des Fra Dolcino, der Gewalt gegen die Ausbeuter der Armen und den Prunk der Papst-Kirche gepredigt hat.

Herausragend auch die szenische, mit brillanten Lichteffekten und wollüstig-ausschweifenden Gruppen-Szenen aufgeladene Traum-Vision Adsons. Alexander Grünbacher lässt als Baskerville-Adlatus seine fiebrige Liebeskrankheit und Sehnsucht nach einem hübschen Bauernmädchen, das Gui als Hexe verbrennen wird, zu einer opernhaften Musik-Collage (Musikalische Leitung Matthias Hammerschmitt) als „Dies irae“-Phantasie ablaufen, aber auch symbolisch als eine Hommage an die „letzte Rose“, eine geliebte Frau. (Ecos Romantitel zitiert einen Hexameter des Bernhard von Cluny: „Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus“ – die Rose von einst steht nur noch als Name).

Die vielen guten Ötigheimer Laien-Darsteller (darunter Kurt Tüg als Abt, Tobias Kleinhans als Salvatore, Werner Sachsenmaier als Bibliothekar Malachias, Christoph Dettling als sein Gehilfe Berengar oder Roman Gallion als Botanikus Severin) und die zahlreich zur Verfügung stehenden Statisten (darunter die Rosen-Mädchen) sorgen für ein malerisch buntes Melodram. Zuweilen leidet die Inszenierung, die sich viel enger als der Film an Ecos Roman-Vorlage hält und beispielsweise den Inquisitor samt Gefolge unspektakulär friedlich abziehen lässt, an überflüssigen Längen.

Was dem Glanz der fast vierstündigen Aufführung, die mit der Apotheose des brennend glühenden Bibliothek-Turmes endet, auch bei 35 Grad Sommerhitze keinen Abbruch tut. (Eckhard Uhlig)

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