Badisches Tagblatt, 12. August 2016

Sinfonische Klangkultur und harte Rockrhythmen

Die musikalische Energie des Abends ist einzigartig – die Kühlschranktemperatur ist es allerdings auch. Mit einem gut besuchten Gastspiel unter dem Titel Rock Symphony Night lässt das Orchester ORSO auf der größten und wahrscheinlich schönsten Freilichtbühne Deutschlands in Ötigheim sagenhafte Klangwelten aufleben. Und immerhin: Punktgenau zum Konzertbeginn hat der Regen ein Einsehen. Crossover heißt das Zauberwort dieses in Freiburg ansässigen Riesenensembles nebst Chor, das ein Grenzen sprengendes Programm zwischen sinfonischer Klangkultur und harten Rockrhythmen bietet. Einst entstanden aus den zarten Anfängen einer Ettenheimer Schulband, ist ORSO seit einigen Jahren ein Garant für drei Stunden puren Musikgenuss.

Wolfgang Roese, der Dompteur am Dirigentenpult, ist bekannt für seine ausgefeilten Arrangements; so mixt er munter in seinen Toncollagen Strawinskys? Ballettmusik Petruschka mit einem Disco-Hit aus den 1970er Jahren, That’s The Way I Like It der damals populären Gruppe KC & the Sunshine Band. Dieses ziemlich schräge Ergebnis aus auf den ersten Blick unvereinbaren Zutaten beweist, dass Musikgrenzen dazu da sind, um überwunden zu werden. Als Hors d?oeuvre jedoch serviert Roese erst mal ein richtig klassisches Stück, bei dem ein satter Orchesterklang für gefühlte Wärme sorgt.

Der vierte Satz aus Respighis? sinfonischer Dichtung Pinien von Rom beschwört imaginär einen südlichen Sommerabend herauf. Gleich mehrere Vokalsolisten hat ORSO nach Ötigheim mitgebracht, allesamt Spezialisten in ihrem jeweiligen Fach. Dazu gehört beispielsweise die Stammzellformation, bestehend aus Nini Stadlmann und Tom van Hasselt, die mit viel Witz auch als Moderatoren-Duo durch das Programm führen.

Beide kommen aus der Musical-Welt, wie unschwer beim Medley aus kürzesten Kostproben von Cats bis Cabaret herauszuhören ist. Dass Gunnar Schierreich eher im klassischen Umfeld zu verorten ist, wird ob seinem beeindruckenden Stimmvolumen in einem Tribute an Robbie Williams deutlich. Da kann Alex Melcher mit seinem schlank geführten Tenor nicht ganz mithalten. Die in Marokko geborene Mennana Ennaoui überzeugt bei diesen komprimierten Hits aus dem Repertoire des ehemaligen Take That Sängers mit ihrer soulbetonten Stimme auf ganzer Linie. Beim Queen-Klassiker I want it all heulen dann auch zum ersten Mal die Gitarren der Rockband auf, und wenn die Streicher des ORSO in Apocalyptica-Manier die Bögen auf die Saiten donnern lassen, kündet sich Whole Lotta Love von Led Zeppelin an, bei dem man sich nicht genau sicher ist, ob da statt Ennaoui nicht doch Robert Plant den psychedelischen Rockshop bedient.

Ganz stark auch der Auftritt der nicht mehr ganz taufrischen Soulqueen Brenda Boykin, die heuer in Ötigheim mit zwei Broadway-Klassikern ihre nachhaltige Visitenkarte abgibt. Mit viel Streicherschmelz wird Gershwins? The Man I Love eröffnet, es sorgt für samtige Momente in diesem Freiluft-Rockpalast. Die aus Brasilien stammende Josy Santos zählt zu den Highlights dieser an vokalen Qualitäten reichen Show. Die an der Oper Stuttgart engagierte Mezzo-Sopranistin glänzt, gut grundiert, mit klug eingesetzten dynamischen Feinheiten bei Astor Piazzollas? Tango Los Pajaros Perdidos. Da haben die ansonsten in Ötigheim oft mittrillierenden Amseln längst den olympischen Wettkampf mit den menschlichen Stimmen aufgegeben. Und bevor dieser aufregende Sommerabend mit Smoke On The Water von Deep Purple zu Ende geht, fliegen die Klänge des Orchesters und dem Solisten Alex Melcher in den Musikerhimmel zu David Bowie auf. Ein bisschen viel Bombastik fürwahr, was dabei der Chor da intoniert, aber um zum kürzlich verstorbenen Superstar zu gelangen, muss der Sound schließlich durch den mehr als grauen Himmel nach oben strömen. Enthusiastisch der verdiente Beifall. (Udo Barth)

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