Badisches Tagblatt, 9. August 2016

Shakespeare ist auch in Ötigheim der Clou

Was für eine Furie! Petrucchio hat wirklich Mumm in den Knochen, dass er mit dieser widerborstigen Schönen den Bund der Ehe eingehen will. Aber schließlich ist er ja auch im echten Leben als Chef einer Theatertruppe den Umgang mit kapriziösen bis bösartigen Damen gewohnt. Ex-Gattin Lilli Vanessi steht der Männerfeindin Katharina aus Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung auch privat in nichts nach. Auch sein aktueller Flirt Lois Lane hat es viel faustdicker hinter den hübschen Öhrchen, als es ihre Rolle der braveren Schwester Bianca vermuten lässt. Um die Truppe vor der Pleite zu retten, muss eine fulminante Inszenierung des Shakespeare-Klassikers her – und die gelingt Stefan Haufe bei den Volksschauspielen Ötigheim ausgezeichnet. Er orientiert sich an der Musicalversion der Broadway-Legende Cole Porter und verwendet die unschlagbar pfiffigen Texte des Kabarettisten Günter Neumann.

Cole Porters Broadway-Klassiker entfaltet auch unter freiem Himmel seinen unwiderstehlichen Zauber und lässt so manches Musicalspektakel jüngerer Bauart blass aussehen. Die Empfehlung der beiden unwiderstehlichen Ganoven Schlag nach bei Shakespeare erweist sich als stimmiges Erfolgsrezept: Shakespeare ist der Clou! – auch in Ötigheim, und das Premierenpublikum wollte das Duo Roman Gallion und Johannes Tüg gar nicht von der Bühne lassen.

Spontanen Szenenapplaus gab es immer wieder, wenn die Fetzen einer alten Liebe zwischen Produzent und Star, beziehungsweise Petrucchio und Katharina, flogen: Die international erfolgreiche Mezzosopranistin Viola Zimmermann schleudert ihre Bosheiten stimmlich ebenso treffsicher wie ihre Wurfgeschosse und schwelgt in der ganzen Bandbreite vom schrillen Kreischen bis zum lyrischen Liebesgeständnis.

Reinhard Danner lässt sich von seinem Star aber keineswegs einschüchtern – er bleibt der Herr der Szene und glänzt vor allem bei seiner melancholischen Reminiszenz an vergangene liebestolle Zeiten mit häufig wechselnden Partnerinnen. Die letzte Dame in dieser bunten Reihe, die Nachtclub-Sängerin Lois Lane, hofft auf ihren Durchbruch am Broadway – Marysol Ximénez-Carillo hätte da keine Probleme, denn sie bringt alles mit, was ein Musicalstar braucht. Es ist nur die Frage, ob sie noch besser singt als tanzt oder spielt. Ihre Steppnummer mit Alexander Söhnle als nichtsnutzigem Sonnyboy Bill Calhoun, beziehungsweise Biancas Freier Lucentio, ist einfach große Klasse, ihr Sexbömbchen Lois Lane ebenso verschmitzt wie die ehewütige Bianca.

Was wäre eine Musicalproduktion – vor allem in Ötigheim – ohne schwungvolle Tanznummern? Stefan Haufe und Julia Krug haben die Tanzgruppen mit witzigen Choreographien versehen, die sie nicht überfordern und flott über die Bühne (Bettina Scholzen) gehen. Ebenso witzig sind die von Peter Sommerer gestalteten Kostüme zwischen Renaissancepracht und peppigem 50er-Jahre-Show-Chic.

Ulrich Wagner führt Orchester und Chöre souverän durch die Evergreens des großen Cole Porters, und das Publikum jubelt nach dem nicht ganz überraschenden Happy End mit den Darstellern den Broadway-Ohrwurm Wunderbar.

Eingefleischte Ötigheim-Besucher dürften allerdings ein ganz klein wenig enttäuscht worden sein: Statt spektakulärer Reiternummern, die irgendwie in jede Inszenierung eingepasst werden, tritt nur ein Esel auf, der nicht ganz freiwillig Petrucchio als Reittier, beziehungsweise als Lasttier für seine ebenso störrische Braut , dient. (Irene Schröder)

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