Badisches Tagblatt, 30. Mai 2017

Seelengemälde des Reformators

Eigens zum Reformationsjubiläum haben sich die Volksschauspiele Ötigheim von Autor Felix Mitterer ein Schauspiel über Martin Luther schreiben lassen. Bei den Proben auf dem Tellplatz geht es wenige Wochen vor der Premiere am 17. Juni nun um die Feinarbeit. Regisseurin Rebekka Stanzel arbeitet intensiv mit den Rollenträgern am Ausdruck. Jedes Wort, jeder Blick, jede Geste soll stimmen. Den anspruchsvollsten Part hat dabei ohne Zweifel Hauptdarsteller Simon Grossenbacher.

Das Stück Luther will weniger die Geschichte der Reformation erzählen als die des Menschen Martin Luther. Zwar tastet sich die Handlung an den wichtigen Momenten und Daten des Reformationsgeschehens entlang, erklärt die Regisseurin, aber die Person und die Entwicklung Martin Luthers steht doch eindeutig im Mittelpunkt.

Ein bisschen knifflig fürs Publikum könnte es indes werden, dass das Schauspiel in vielen Einzelszenen etliche Jahre der tatsächlich verstrichenen Zeit zusammenfasst. Zum Beispiel gleich zu Anfang, wenn der junge Luther ins Kloster eintritt und sich damit gegen seinen übermächtigen Vater auflehnt, im nächsten Moment aber schon von seiner Romreise mit großen Zweifeln an der Glaubenspraxis heimgekehrt ist. Da heißt es aufmerksam bleiben und die Ohren spitzen. Wenn der Schlussapplaus ertönt, werden die Zuschauer immerhin rund 20 Jahre im Leben Luthers mitverfolgt haben, der sich in dieser Zeit sehr wandelt: vom schüchternen Studenten über den von Selbst- und Gotteszweifeln geplagten Mönch zu einem von sich selbst sehr überzeugten geistigen Lehrer, der dennoch kein Anführer sein will.

Für Simon Grossenbacher, der die Rolle sehr spannend findet und sich für seinen ersten Einsatz in Ötigheim intensiv mit der historischen Figur Martin Luther auseinandergesetzt hat, ist diese Herausforderung gerade interessant. Schon bei den Proben zeigt sich: Dem Profi gelingt es, die innerlichen Seelenqualen des jungen Luther nach außen zu kehren und bis in die hinteren Zuschauerränge hinein spüren zu lassen.

Dabei entspricht der eher schmächtige Schauspieler rein äußerlich eigentlich gar nicht dem Bild, das man so gemeinhin von Luther hat. Wir wollten keinen Luther zeigen, der fett und bräsig dasitzt und sich gegen Juden ausspricht, sagt Rebekka Stanzel, obwohl er genau dies auch getan hat.

Den Akteuren der Volksschauspiele geht es vielmehr darum, ein Psychogramm Luthers zu zeigen. Der Ötigheimer Luther sucht einen gnädigen Gottvater, vielleicht weil er mit seinem leiblichen Vater die gegenteilige Erfahrung gemacht hat. Durch Arbeit, Askese und brutale Konsequenz, ohne die nach Ansicht des Darstellers der echte Luther seine Berufung vielleicht gar nicht überlebt hätte, gelangt er erst zu seinem Selbst- und Gottesbewusstsein. Das möchte die Inszenierung erzählen. Und: Dass sein eigener innerer Kampf die größtmöglichen Auswirkungen auf seine Zeitgenossen und den weiteren Verlauf der Geschichte hat, das ist ihm wohl einfach passiert, denkt Rebekka Stanzel, die in Ötigheim bereits Der Name der Rose inszeniert hat. Die Zeit für Luther sei wohl einfach reif gewesen. (Sebastian Linkenheil)

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