Badisches Tagblatt, 7. Juni 2019

Schwindler mit Charme

Bedeutung und Umdeutung, mehr Schein als Sein: Das sind in diesem Ötigheimer Theatersommer Grundfragen, die sich in jeder der drei Inszenierungen stellen, sagt Erich Penka, Pfarrer und Vorsitzender der Volksschauspiele. Besonders augenfällig natürlich in Münchhausen, aber auch beim Gestiefelten Kater und in gewisser Weise sogar bei Schillers Räubern. Man könnte auch von der Lüge sprechen – und das ist in Zeiten alternativer Wahrheiten hochaktuell.

Aber natürlich sind der legendäre Lügenbaron und der gewitzte Kater weit charmantere Schwindler als die Produzenten sogenannter Fake-News heute. Irreleiten lassen sollte man sich übrigens auch nicht davon, dass die Volksschauspiele Erich Kästner als Autor ihres Münchhausen (Premiere am 22. Juni) auf den Programmzettel gedruckt haben: Es handelt sich nicht um das Kinderstück. Regisseurin Johanna Schall erinnert daran, dass der von den Nazis mit Schreibverbot belegte Schriftsteller für das Drehbuch des bekannten Films mit Hans Albers von Propagandaminister Goebbels eine Ausnahmegenehmigung erhielt. Kästner, der durchaus nicht nur Kinderliteratur geschrieben hat, nutzte damals ein Pseudonym – wieder so eine Umdeutung.Für die namhafte Theaterregisseurin ist es die erste Inszenierung in Ötigheim. Begeistert ist sie vom Engagement der Darsteller und den Möglichkeiten, die die Volksschauspiele bieten, auch was Ausstattung, Kostüme und den Einsatz von Tieren (14 Pferde, drei Ziegen und ein Hund) betrifft. Die Musik zum Münchhausen hat Matthias Hammerschmitt, langjähriger musikalischer Leiter der Volksschauspiele, arrangiert. Gespannt darf man sein auf russisch inspirierte Zupfmusik, eine Mozartparodie, eingefrorene Hornklänge und ein live gesungenes Schlusslied.Live ist auch beim Kinderstück Der gestiefelte Kater (Premiere: 13. Juli) ein Stichwort, denn erstmals wird eine siebenköpfige Band eigens fürs Stück komponierte Musik spielen, und der Chor singt dazu. Für ein Kinderstück ungewöhnlich groß ist die Zahl der alles in allem 250 Mitwirkenden, allein 90 Kinder im Ballett und 50 als Sänger. Hinzu kommen die vielen Statisten, diesmal verstärkt von etlichen Eltern, die auch mitmachen wollten, wie sich Choreografin Julia Krug freut.Vielleicht etwas weniger turbulent, dafür nicht weniger mitreißend könnte es bei Schillers „Die Räuber“ (Premiere: 10. August) werden. Obwohl: Marcel Reich-Ranicki nannte Schillers Erstling einen Vulkanausbruch. Und Regisseur Peter Lüdi will das Politische, das hier im Privaten liege, in seiner Inszenierung herauskitzeln: Bruderzwist, Vater-Sohn-Konflikt und romantische Liebe ohne Erfüllung, die im Tod endet. Außerdem stellt das Stück in Lüdis Lesart auch die Frage nach den letzten Dingen.Anders als für alle anderen Veranstaltungen auf der Freilichtbühne gibt es für die Festlichen Konzerte (26. und 27. Juli) keine Karten mehr. Karl Albert Geyer, der den Taktstock übergangsweise übernommen hat, bis der neue Dirigent Markus Bieringer seinen Dienst aufnimmt, verspricht einen musikalischen Spaziergang entlang der Donau mit längeren Aufenthalten in Wien und Budapest. Populär im besten Sinne soll es werden: Konzertante Tanzmusik, Operettenauszüge und ein Ballettquerschnitt werden Ohren und Augen erfreuen. Es erklingt Musik unter anderem von Johann Strauß, Franz von Suppé, Franz Léhar, Emmerich Kálmán, Hector Berlioz und Johannes Brahms. Am Schluss gibt es wie üblich wieder ein Feuerwerk.Auch ein Reigen an Gastspielen findet sich wieder im Programm der Volksschauspiele. Auf Deutschlands größter Freilichtbühne zu erleben sind die Egerländer und Oberkrainer mit einem Gipfeltreffen der Volksmusik (13. August), die SWR-Big-Band mit Max Mutzke (14. August), die Band Night Fever mit ihrem Tribut an die Bee Gees (15. August), und – wie könnte es anders sein – das Sängerduo Marshall und Alexander an gleich drei Abenden (27., 28. und 29. August). (Sebastian Linkenheil)

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