Badisches Tagblatt, 22. April 2014

Bayerisch-badische Inszenierung mit einem Schuss Hollywood

Eine zünftige bayrisch-badische Geschichte mit allem, was dazugehört, inszenieren die Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ) im Sommer mit dem Klassiker Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben. Doch damit nicht genug: Ein kräftiger Schuss Hollywood spielt mit, wenn der technische Leiter Michael Lerner in die Trickkiste der Effektgimmicks greift.

Kommt der Boanlkramer zu Besuch, öffnen und schließen sich Türen von selbst. Das ist sehr einfach und funktioniert auf Knopfdruck, winkt der gelernte Zimmerermeister ab. Ruft eine Szene den Tod auf den Plan, hat er auf dem Tellplatz den Sarg für seinen Gast bereits dabei. Dieser ruht auf einer Kutsche, gezogen von einem Pony, das auf Pfiff des Boanlkramers brav antrabt. So wird es das Publikum wahrnehmen, die Klugheit des Tiers bewundern. Ein Pferd mit Kutsche allein auf weitem Bühnenrund? Das ist zu riskant. Unsichtbar für die Zuschauer liegt der Kutscher im Sarg. Durch eine mit Fliegengitter getarnte Öffnung hat er die Szene im Blick und die Zügel des Vierbeiners fest in Händen. In ähnlicher Manier verblüffte James Bond mit einem per Handy ferngesteuerten Edelflitzer im Film Der Morgen stirbt nie.

Lerner ist seit vier Jahren bei den VSÖ aktiv, die seine Weiterbildung zum Veranstaltungsmeister und Ausbildung als Pyrotechniker trugen. Die Arbeit mit Spezialeffekten ist kein Beruf, sondern Berufung, lässt der Malscher durchklingen. Zum Glück habe ich meine Vorgänger immer noch als Lehrmeister, sagt der 40-Jährige. Seit November richtet er mit seinem vierköpfigen Team die Freilichtbühne für den Theatersommer her. Das Haus des Brandners baute er nach Vorlage der Bühnenbildnerin. Eine Spezialität in Form eines Vorhangs, der zu gegebener Zeit den Blick auf eine Szene freigibt, entstand auf Wunsch des Regisseurs Gerhard Franz Brucker. Dieser hat zudem die Vision von Gewittern mit heftigen Blitzen, den Erzengel Michael lässt er mit einem Flammenschwert auftreten. Gefährliche szenische Effekte heißt das im Fachjargon. So trägt der Himmlische ein nach brandschutztechnischen Vorgaben behandeltes Kostüm, das züngelnden Flammen Widerstand leistet. Abstände zu Kulissen und Mitspielern lege ich fest, denn im Vordergrund stehen vorgeschriebene Sicherheitsaspekte, informiert Lerner. Dem Erzengel steht noch viel Übung bevor, da das Flammenschwert geschwungen werden will, ohne dass sich der Darsteller verbrennt. Die Hiebwaffe ist ein Relikt aus vergangenen Spielzeiten. Lerner restaurierte sie, rüstete die Auslöseeinheit um. Aus einer Patrone, die als Schwertgriff getarnt ist, strömt Gas durch eine Leitung in der Klinge. Per Knopfdruck am Heft des Schwerts löst die Zündung aus, dann steht das Requisit effektvoll in Flammen. Derart hantierte auch Jungpirat Will Turner in „Fluch der Karibik 2“ mit einem brennenden Degen. Fragt sich nur, ob wir das von Hollywood oder die von uns abgekupfert haben, denn vor 20 Jahren waren bei uns Sargkutsche und Flammenschwert schon da, stellt Robert Walz (Öffentlichkeitsarbeit der VSÖ) lachend fest.

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