Badisches Tagblatt, 27. Mai 2017

Schneiderei auf Hochtouren

In der Schneiderei der Volksschauspiele Ötigheim geht es zu wie in einem Taubenschlag: Stempelkarten werden ausgegeben, Kostüme abgeholt, ein Plausch gehalten – und mittendrin: Ulrike Heck-Petri, Leiterin der Schneiderei, und ihr Team. Während im Erdgeschoss die Nähmaschinen rattern, werden oben noch die letzten Kostüme anprobiert und abgesteckt, damit beim Fototermin und natürlich bei den Aufführungen alles passt.

So viel wie in dieser Saison gab es für die Kostümabteilung selten zu tun: Gleich drei Neuinszenierungen stehen auf dem Programm. Während die Kostüme für Luther und das Dschungelbuch fertig sind, wird an der Umsetzung der Entwürfe für den Sommernachtstraum noch unter Hochdruck gearbeitet. Wir sind spät dran, sagt Heck-Petri. Aber wir kriegen es hin – wie immer, meint sie lachend.

Die größte Herausforderung in diesem Jahr? Die Kostüme fürs Dschungelbuch, eindeutig, sagt die Schneiderin. Da habe man viel basteln müssen. Ulrike Heck-Petri hält ein graues Ungetüm hoch: Das Kostüm von Colonel Hathi, dem Anführer der Elefantentruppe. Genäht aus einer Art Kunstleder, das sogar von nah wie richtige Elefantenhaut aussieht. Um die Hüfte ist ein Ring eingearbeitet, der für die nötige Körperfülle sorgt. Die Elefantenohren wurden auf einem Tropenhelm montiert – womit sind die denn gefüttert? Mit Filtermaterial für Aquarien. Das eignet sich dafür am besten, sagt Heck-Petri – und man merkt ihr an, wie stolz sie auf ihr Werk ist.

Nachdem die Kostümbildner die Entwürfe abgeben haben, ist es ihre Aufgabe, die passenden Schnitte dazu zu erstellen – und auszutüfteln, wie man den Entwurf realisieren kann. 70 Stunden Arbeit stecken in so einem Elefantenkostüm – acht Stück davon wurden angefertigt.

Während Heck-Petri noch dabei ist, den meterlangen Schwanz von Kaa, der Schlange in einer Tasche zu verstauen, wird im Nebenzimmer nach ihr verlangt: Ludwig Loidl ist da und will ein Kostüm abholen, das noch abgesteckt werden muss. Das Gewand eines Dominikanermönchs ist bereits die dritte Robe, die er heute abholt. Dass Statisten in mehreren Szenen und Rollen auftreten, ist in Ötigheim keine Seltenheit. Manche Statisten haben bis zu acht Kostüme, sagt Heck-Petri, während sie an Loidls Kutte das zu lange Skapulier absteckt. Fehlt noch die Kippa auf dem Kopf: fertig ist der Augustinermönch. Die Kippa kann man übrigens mit Haarnadeln feststecken, erwähnt Ulrike Heck-Petri.

Hier ist wie immer alles durchdacht, meint Loidl. Er wird das Gewand später mitnehmen und in seine Garderobe hängen – so machen das die meisten der Schauspieler hier. Zu groß wäre der Aufwand, jedes einzelne Kostüm zu jeder Aufführung mit auf den Tellplatz zu schleppen. An jeder Garderobentür hängen übrigens Fotos, wie die Kostüme für die Volksszenen auszusehen haben. Damit keiner durcheinanderkommt, welcher Helm denn nun zu welchem Soldaten- oder Landsknechtskostüm gehört.

Ganz schön kompliziert, hier den Überblick zu behalten – und ein Riesenaufwand, das alles im Vorfeld zu sortieren. Wer an diesem Tag in der Schneiderei vorbeikommt, muss dennoch nicht lang suchen. Rudi Wild gibt jedem einen Stempel auf seine Karte, die belegt, dass das Kostüm ausgegeben wurde, und weist zudem den Weg zur richtigen Kleiderstange – und das im Minutentakt. Zwischen 14 und 15 Uhr herrscht Hochbetrieb, rund 400 Kostüme gehen heute raus.

Familie Kühn aus Ötigheim hat gleich zwei Waschkörbe mitgebracht. So kann man die Kostüme leichter in die Garderobe transportieren, meint Heidi Kühn, die nicht nur für sich, sondern auch für ihre Töchter Selina und Madeleine sowie für Sohn Jonah Gewänder abholt. Dabei sind nur geschlechterspezifische: Die beiden Mädchen werden im Rahmen der Luther-Aufführung auch in die Kostüme der Kaiserwache schlüpfen. Für die Volksszenen wird jeder Mann beziehungsweise jede Frau gebraucht.

Wenn die Saison auf dem Tellplatz am 17. Juni mit der Premiere von Luther beginnt, ist die Hauptarbeit für Ulrike Heck-Petri und ihre drei Mitarbeiterinnen getan. Rund 25 Überstunden haben sie pro Woche in der Zeit vor den Aufführungen angesammelt – nach der Premiere wird es ruhiger, dann muss nur noch ausgebessert werden, wenn ein Knopf abgeht oder ein Reißverschluss hakt.

Und nach der Theaterpause im September geht es auch schon wieder los: Dann beginnen bereits die Vorbereitungen für die kommende Saison. (Yvonne Hauptmann)

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