Die Oberbadische, 19. Juni 2018

Schenkt man sich Rosen in Tirol

Zum ersten Mal in der 112-jährigen Geschichte der Volksschauspiele Ötigheim steht Der Vogelhändler auf dem Programm. Der Komponist Carl Zeller hatte wohl bei Simon Sechter Harmonie du Kontrapunkt studiert, im Hauptberuf hatte es der promovierte Jurist bis zum k.u.k. Ministerialrat und Leiter des Kunstreferats gebracht, der aber durch seine Melodien im Gedächtnis der Nachwelt geblieben ist.

Die Idee zu seiner bekanntesten Operette Der Vogelhändler, die im Wiener Theater an der Wien 1891 uraufgeführt, zu seinem, größten Erfolg als Komponist wurde, fand Carl Zeller in einem Werk von Biéville. Das Libretto stammt von seinem Juristenkollegen Moritz Georg Nitzelberger alias Moritz West und dem Schriftsteller Ludwig Held. Die Geschichte spielt in der Rheinpfalz im 18. Jahrhundert. Das Interesse gilt dem Vogelhändler Adam aus Tirol, und seiner Braut, der Briefchristel, der Kurfürstin Adelaide, dem kurfürstlichen Wald- und Wildmeister Baron Weps und seinem Neffen, dem Grafen Stanislaus, sowie dem Professorenpaar Süffle und Würmchen.

Doch es ist gewiss nicht die mit den drei Worten Es war einmal hinreichend charakterisierte Handlung, die den Erfolg dieser Operette ausmacht. Vielmehr sind es die einst zu Schlagern gewordenen, noch immer ins Ohr gehenden, volkstümlichen Melodien, denen es zu verdanken ist: Adams Auftrittslied Grüaß enk Gott, alle miteinander , seine Reminiszenz Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr und vor allem sein Liebeslied Schenkt man sich Rosen in Tirol, der Walzer Fröhlich Pfalz, Gott erhalts, der Marsch Kämpfe nie mit Frau’n, nicht zu vergessen, Ich bin die Christel von der Post.

In Ötigheim inszenierte Manfred Straube die Operette und nutzte dabei die Breite und Tiefe der Naturbühne. Ein großes kurfürstliches Schloss im Hintergrund, davor eine riesige Freitreppe, unmittelbar vor der Zuschauertribüne ein Proszenium, rechts ein Wirtshaus, links ein Pavillon, das ist das Bühnenbild von Bettina Scholzen.

In diesem Rahmen gibt es ein theatralisch eindrucksvoll gestaltetes, buntes, Treiben, mit Pferden, Eseln, einem Feuerschlucker auf Stelzen und Gauklern, mit viel Volk, das spielt, singt und tanzt, von Peter Sommerer im Stil der damaligen Zeit kostümiert. Für die Choreografie zeichnen Andre Golescu und Julia Krug verantwortlich, die auch schon einmal Tänzerinnen und Seppelhosen auftreten lassen. Und da fährt, neben einem Zweispänner, auch eine gelbe Original-Kutsche mit der Aufschrift Großherzoglich Badische Post vor.

Die musikalische Leitung hat Ulrich Wagner (…) Die Hauptrollen sind mit Sängern besetzt, die nicht nur gesanglich sondern auch spielerisch ihre Aufgaben überzeugend und glaubhaft lösen. Mit einem ausdrucksstarken Tenor wartet der, trotz seiner äußeren Erscheinung als gestandenes Mannsbild geradezu schluchzende Beau Gibson als Vogelhändler Adam aus Tirol mit amerikanischen Wurzeln auf.

Mit lockere Spiel und hellem Sopran gestaltet Lisa Hähnel die Partie der Christel von der Post. Nicht nur eine attraktive Erscheinung, sondern in der Verkleidung ebenso sympathisch und volksnah ist Clara-Sophie Bertram als Kurfürstin, die dazu noch über einen strahlenden, glockenreinen, in allen Lagen sicheren Sopran gebietet.

Ein charmanter Gardeoffizier Graf Stanislaus mit schmelzendem, lyrisch  gefärbten Tenor ist Moritz Kallenberg. Dem schlitzohrigen Wald- und Wildmeister Baron Weps gibt Reinhard Danner ein eindrucksvolles Profil, das man bei Christina Heck als Baronin Adelaide eher vermisst. Die komödiantischen Möglichkeiten ihrer Rollen als Professoren Süffle und Würmchen kosten Paul Hug und Julian Baumstarkauf Deutschlands größter Freilichtbühne voll aus. (Dieter Schnabel)

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