Badische Neueste Nachrichten, 12. November 2018

Satirisches und Tiefgründiges

Stückwerk bedeutet gemeinhin, dass etwas unvollständig ist und nicht befriedigt. Das trifft auf das Stückwerk II´, das den 166 Besuchern am Freitag- und Samstagabend im Tellplatz-Casino der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ) geboten wurde, freilich nicht zu. Denn dieser Produktion im Winterspielplan der kleinen bühne mangelte es an nichts. Der VSÖ-Nachwuchs überzeugte beim zweiten Stückwerk nach 2016 auf ganzer Linie. Tosender Beifall war der gerechte Lohn für das 13-köpfige Amateurensemble.

Der mit drei Stunden zwar recht lange, aber sehr kurzweilige Theaterabend bescherte dem ein ums andere Mal ins Spiel integrierten Publikum neben Satirischem, Tiefgründigem, Berührendem und Bedrückendem auch viel zu lachen – erst mit Prosatexten, dann mit gesprochenen Versen. Laut Regisseur Sebastian Kreutz wurde im Februar 2017 begonnen, Molières Komödie „Der Menschenfeind“ zu erarbeiten (Regieassistenz: Helen Kraft). Eigentlich sollte nur dieses versgebundene Stück aufgeführt werden. Weil sich aber sukzessive immer mehr junge Leute meldeten, waren es 13 statt sechs Darsteller. Damit war die Planung über den Haufen geworfen, sagte Kreutz, der auch für die Kostüme und für die innovativ den Zuschauerbereich umrahmende Bühne verantwortlich zeichnete.

Den hinreißenden Auftakt zum ersten Teil machten Eva Beckert und Mara Patzelt, die als witziges, erfrischend quirliges Duo Die fromme Helene von Wilhelm Busch zum Leben erweckten. Mafalda Kühn überzeugte mit Georg Danzers Satire Eckige Kinder. Madeleine Kühn blies mit Kurt Tucholskys Lottchen beichtet ihren Liebhaber zum Angriff aufs Zwerchfell. Lucy Schindele zeigte mit Patrick Süsskinds Der Zwang zur Tiefe in beeindruckend-bedrückender Weise, wie eine unbedacht verfasste Kritik zum Freitod einer jungen Künstlerin führt. Noch beklemmender ging‘s in Christine Brückners Die Banalität des Bösen zu. Anna Beckert brillierte in der Rolle der Hitler-Gattin Eva Braun, die kurz vor ihrer Selbsttötung, bewacht von einem stummen Offizier (Jonas Landhäußer), im Führerbunker ihre egoistische Vorstellung von einem glücklichen Leben ausbreitet.
Wie lebendig und glaubwürdig Verse klingen können, demonstrierte ein achtköpfiges Ensemble nach der Pause. Die Besucher erlebten Molières Lustspiel Der Menschenfeind, stark gekürzt in einer Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger. Die Komödie kreist in famosen Rededuellen herrlich kritisch und sarkastisch um die Frage, ob ein gutes und ehrliches Leben in der schlechten und unehrlichen Welt überhaupt möglich ist, und wie viel Wahrheit der Mensch im Leben und in der Liebe verträgt. Alle Darsteller legten sich mächtig ins Zeug und verpassten dem alten Stoff einen modernen Anstrich. Da durfte draußen ein Auto vorfahren, tauchten Laptop und Smartphone auf, wurde Rap-Musik gespielt. In den Hauptrollen glänzten Julian Baumstark als ebenso wahrheitsliebender wie eifersüchtiger Titelheld Alceste sowie Leonora Mihajlov als seine flatterhaft-kokette Angebetete Célimène. Sven Engel verkörperte seinen stets um Ausgleich bemühten Kumpel Philinte. Chase Tolbert gab als Verseschmied Oronte den vermeintlichen Widersacher. Für die humoristische Note sorgten Lucy Schindele als Célimènes flotte Freundin Arsinoé, Alexander Grünbacher als großmäuliger Acaste mit grandios gespieltem Wutausbruch, Tina Fortenbacher als flippig-durchgeknallte Cloé (Ihr seid so geil, sorry) und Jonas Landhäußer als Diener.
Die Wahrheit sieht am Ende für den Idealisten und Menschenfeind Alceste so aus, dass aus dem von Célimène als Liebesbeweis geforderten Leben auf dem Land nix wird. Die Frau will lieber im Rampenlicht bleiben. Apropos Licht. Darum kümmerte sich Lukas Späth. Für den guten Ton sorgte Steffen Sachsenmaier. Die Technik lag in den bewährten Händen von Michael Lerner. (Ralf Joachim Kraft)

zurück zum Pressespiegel