Badisches Tagblatt, 1. August 2019

Es ist erstaunlich, was da alles drin steckt

Zwischen 17 und 19 Jahre alt war Friedrich Schiller, als er sein Werk Die Räuber schrieb. Es ist ein sensationelles Stück für einen so jungen Dichter, sagt Peter Lüdi, der das bedeutende Drama auf Deutschlands größter Freilichtbühne inszeniert. Fast täglich wird geprobt. Premiere ist am 10. August.Es ist erstaunlich, was da alles drinsteckt, begeistert sich Lüdi für Die Räuber. In seiner langen Karriere brachte er siebenmal Kabale und Liebe und dreimal Maria Stuart auf die Bühne. Aber Die Räuber noch nie; ich hielt das Stück für unspielbar. Grund für diese Einschätzung ist die enorme Textlastigkeit sowie gesellschaftliche Normen der damaligen Epoche, die heute niemand mehr verstehen kann. Heuer sinnlos erscheinende Direktiven kürzte Lüdi in seiner Bearbeitung für das Ötigheimer Naturtheater heraus. Die Weite der Arena nutzt er für simultane, verschachtelte Szenen. Podeste auf der Vorbühne mit für die Akteure streng begrenzten Wegen eignen sich für die großen Monologe und geben den Figuren Prägnanz. Dort entfaltet sich der archetypische Vater-Sohn-Konflikt, der Bruderzwist um die Erbschaft, die hochromantische Liebesgeschichte ohne Erfüllung. Schiller sei ein großer Fan von William Shakespeare gewesen, weiß Lüdi. Parallelen zu Romeo und Julia finden sich deshalb in Die Räuber, denn auch die Liebe von Amalia und Karl endet tragisch. Schiller schrieb sich mit Die Räuber laut Lüdi alles von der Seele, was einen jungen Menschen umtreibt. Er stellt mehrfach die Gottesfrage, beschäftigt sich mit der Angst vor dem Tod ebenso wie mit den Zweifeln, ob es ein Leben nach dem Tod gebe. Die Räuber strotze vor rebellischem Freiheitsdrang der Jugend, der völlig schief geht und Karl durch die Intrige seines Bruders in eine kriminelle Bande treibt. Derweil wird Amalia (Anna Beckert) von dem arglistigen Franz (Martin Trippensee, einziger Profi in der Runde) bedrängt, der just die Frau haben will, deren Herz seinem Bruder gehört. Auch Graf Moor, der vollkommen überforderte, allein erziehende Vater von Karl und Franz, hat es bei Schiller nicht einfach. Lange war Die Räuber auf dem Tellplatz überfällig, denn Schillers hochkarätige Wortgewalt ist eine Herausforderung, da er über grammatische Veränderungen Emotionen hervorruft. Rhetorisch seziert habe Lüdi deshalb jeden einzelnen Satz mit seinen Mimen, wie David Kühn, Darsteller des Karl, lachend verrät. Lüdi sagt über seine Arbeit mit den Amateuren: Die haben Spaß daran, sind sehr enthusiastisch; die Proben laufen sehr gut. Die Räuber ist Lüdis zehnte Produktion auf dem Tellplatz (Ich liebe Freilichttheater!) und gleichzeitig seine letzte. Der Altmeister hört auf. Es ist genug, sagt der 79-Jährige dazu schlicht. 1988 startete der Schweizer in der großen Ötigheimer Arena mit einer Inszenierung von Wilhelm Tell. Danach brachte er mit Käthchen von Heilbronn (1993), Die drei Musketiere (2005), Romeo und Julia (2008), Der Glöckner von Notre Dame (2012), Amadeus (2015) und zuletzt Les Misérables (2016) fabelhafte Regiearbeiten und für die Zuschauer erlebenswerte Stücke auf die große Bühne in dem kleinen badischen Dorf. Den Schlusspunkt seiner langen Arbeit in Ötigheim setzt er nun mit einem Paukenschlag. (Manuela Behrendt)

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