Badische Neueste Nachrichten, 12. August 2019

Rache ist mein Gewerbe

Es ist ein anderes Bild der Volksschauspiele Ötigheim, das sich in der dritten Premiere dieser Saison bietet – nach Münchhausen und dem Kinderstück Der gestiefelte Kater wird es mit Schillers Räubern richtig ernst im weiten Rund der Freilichtbühne. Keine überwältigenden Massenszenen, keine rasant galoppierenden Reitergruppen, keine Chöre – dafür selbstzerstörerische Monologe, manische Figuren mit gespaltener Zunge und gezücktem Degen, am Ende ein leichenübersätes Familienschlachtfeld. Regisseur Peter Lüdi gelingen vor allem im zweiten Teil des Dramas ein paar spektakuläre Bilder: Das Schloss der ehemals hoch angesehenen Familie von Moor brennt am Ende lichterloh, die verwegenen Räuber stehen davor als Schattenrisse wie in einem bösen, schwarzen Comic. Dazu wählt Lüdi Westernmusik, eine ironische Note, die die verzweifelte Geschichte nur unwesentlich abmildert.

Schließlich leuchtet Schillers zeitlos gültiger Satz an der Schlossmauer auf: Die Schaubühne wirkt tiefer als Moral und Gesetz. Peter Lüdi, früherer Intendant des Theaters Baden-Baden und häufiger Gastregisseur der Volksschauspiele, verabschiedet sich jetzt von dieser Spielstätte im großen Stil. Die Räuber – das ist Friedrich Schillers jugendlicher Freiheitsschrei, sein Durchbruch als gerade mal 19-jähriger Dichter. Es ist ein Thriller, von dem Schiller selbst in einer Vorrede schreibt, er sei eigentlich unspielbar, man könne die Handlung nicht in die Schranken eines Theaterstücks einzäunen. Tatsächlich hat er so komplexe Figuren erschaffen, wie man sie eigentlich nur in einem Roman so schattierungsreich ausmalen kann. Es ist das Drama eines Vaters, der seine beiden Söhne verkennt: Der alte Moor wird als gütiger Patron dargestellt, aber Schiller zeigt auch, dass er schwerste Fehler gegenüber seinen Kindern begangen hat, und dass er sich allzu leicht beeinflussen lässt. Sein vergötterter Sohn Karl ist nicht nur ein Engel, ein Kleinod des Himmels, sondern auch ein Hitzkopf, beim geringsten Widerstand bereit, sein munteres Studentenleben in einer brutalen Räuberbande fortzuführen. Ein edler Rächer zwar, der vor allem den Reichen nimmt und den Armen gibt, aber doch ein Gesetzesloser.Und Franz, die Kanaille? Ein geborener Fiesling ist auch er nicht, denn hätte er Vaterliebe erfahren, wäre der Bruderzwist womöglich nie entstanden. Ein erstaunlich reifes Werk für einen so jungen Dichter – und für das Publikum eine dreistündige Herausforderung.Die Ötigheimer Laienschauspieler präsentieren sich auf einem Niveau, das sicher seinesgleichen sucht: Sprachlich gut geschult, darstellerisch nie überagierend, füllen sie ihre Rollen ganz individuell aus, allen voran David Kühn als immer wieder innehaltender, zweifelnder Räuberhauptmann Karl, Martin Kühn als sein treuester Haudegen-Freund Schweizer und Reinhard Danner, der eine brillante Darstellung der Brutus-Figur in diesem Stück abliefert – Räuber Spiegelberg hält sich selbst für den besseren Anführer. Martin Trippensee, der einzige Profi im Team, gibt den intriganten Franz von Anfang an mit voller Emphase. Eine große Leistung, allein von der Textmenge her, doch hätte man sich hier mehr Differenzierung, mehr kalte Berechnung statt solcher Dauererregung vorstellen können.Anna Beckert taucht als charaktervolle Amalia – die einzige Frauenrolle des Stücks – die Bühne bei jedem Auftritt in ein wärmeres Licht. Sie zeigt eine auffallend emanzipierte junge Frau in edlen Kostümen (Karel Spanhak), die sich weder einschüchtern noch irreführen lässt. In weiteren Rollen überzeugen Paul Maier (Hermann), Kurt Tüg (Pater) und Matthias Götz (Pastor Moser), Hans-Peter Mauterer gibt dem alten Grafen Moor Würde.Peter Lüdis Inszenierung nutzt die Vorderbühne für die intensiven Textpassagen, die weiträumigen Seitenteile der großen Naturbühne werden nur gelegentlich bespielt, dann aber wird ordentlich Pulver verschossen. Im Räuberlager lässt Lüdi die Männer bei Fackelschein auch mal Rockiges singen und belebt damit sofort den Zuschauerraum. Der erfahrene Regisseur baut selbst die hereinbrechende Sommernacht ins Spiel ein, mit der äußeren Dunkelheit wird auch die Handlung immer düsterer. Wenn der alte Hausdiener Daniel (bewegend gespielt von Hannes Beckert) aus dem Schloss schleicht, liegt kein Licht mehr auf der großen Freitreppe, das unheilvolle Ende spielt sich unter einzelnen Scheinwerfern ab und wirkt umso authentischer. Karl von Moor gibt hier sein Schicksal nicht wie bei Schiller in die Hände der Justiz, sondern richtet sich selbst.Standing Ovations belohnen diesen anspruchsvollen, ansprechenden, manchmal auch sperrigen Theaterabend, bei dem die Volksschauspiele einmal mehr ihre große künstlerische Bandbreite beweisen. (Sabine Rahner)

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