Badisches Tagblatt, 21. August 2015

Melancholie mit pulsierenden Klängen

Für Adel Tawil war es seine Konzertpremiere auf der Freilichtbühne Ötigheim, die er nach diesem gelungenen Auftakt gerne mit weiteren Auftritten fortsetzen würde. Die Besucher feierten ihn nach jedem einzelnen Lied mit einem Enthusiasmus, den er so bei seinem ersten Date hier nicht erwartet hatte. Zuvor brachte der Berliner Okan Frei das Publikum mit seinen Liedern vom Feuerwerk oder von Wünschen, die beflügeln, in Stimmung. Dass alle Menschen rund um den Globus in denselben Farben träumen, bestätigten Tausende in die Höhe gereckte Zeigefinger bei dem Refrain Eins.

Als Adel Tawil die Bühne betrat, schienen unzählige Glühwürmchen durch die Luft zu schweben, da seine Fans die Botschaft Mach dein Licht an wörtlich nahmen und per Handylampen ein wahres Lichtermeer erzeugten. Etwas enttäuschend war für manchen die große Entfernung zu dem Künstler, da ein wahrer Moloch an Bühne wie eine schwarze Höhle auf dem Durchgangsweg vor der großen Freitreppe aufgebaut war. Er fand dennoch sofort den Draht zum Publikum mit einem Querschnitt seines künstlerischen Schaffens aus der Zeit von Ich + Ich mit Annette Humpe, ihre gemeinsamen Alben katapultierten das erfolgreiche Duo 2007 direkt in den Pophimmel.

Aber auch Tawils Titel aus seinem folgenden, sehr persönlichen Soloalbum Lieder kamen beim Ötigheimer Publikum dank ihrer spürbaren Authentizität sehr gut an. Der gebürtige Berliner war viel in Bewegung auf der Bühne, doch bei Seelenschmeichlern wie Pflaster stand er ganz still und erzählte, wie sie sich zu ihm legt, wann immer er friert. Seine Texte sind sehr emotional und bringen in jedem Zuhörer eigene Saiten zum Klingen.

Wenn er sie halten will, bis sie sich und allen anderen vergibt, doch sie rennt weg wie ein verlorener Satellit und spürt gar nicht mehr, dass ihr Herz bereits außer Betrieb ist. Oder wenn er in dem neu eingespielten Lied Ich will nur, dass du weißt von seiner Liebe spricht, seinen zahllosen Briefen, die er nie abschickt und wie er in quälender Eifersucht online den Zeitpunkt ihres letztmaligen Surfens im Netz überwacht.

Der Sound seiner siebenköpfigen Band sorgte dafür, dass die Melancholie nicht überhand nahm, bei der Beschreibung einer pulsierenden Großstadt – gemeinsam gesungen mit Maria Helmin – war das Publikum sofort auf den Beinen und folgte seiner Aufforderung zum Mittanzen. Die Großleinwand im Hintergrund lieferte die passenden Bilder, etwa bei der von Helmins Violine untermalten Geschichte vom Kartenhaus, aus dem die Zeit unerbittlich ihre Spielkarten zieht, auch wenn man gerade diesen einen Moment so unendlich gerne festhalten würde.

Ein loderndes Lagerfeuer symbolisierte das gemeinsam mit Sido entstandene Aschenflug, in dem Adel Tawil seinem lichterloh abgefackelten Zauberland nachtrauert. An seine Ende der 90er Jahre gegründete, erste eigene Band The Boyz und deren ersten Top-Ten-Hit erinnerte er mit One Minute, und dann ging er endlich auf die langersehnte Tuchfühlung zum Publikum beim Titelsong seines Soloalbums Lieder.

Ein kleiner Steppke sang während des Filmens mit dem Handy textsicher und lautstark mit, bei Adel Tawils größtem Hit Vom selben Stern bildete das gesamte Publikum den Backgroundchor. Jetzt hielt es niemanden mehr auf seinem Platz, und die kleine Mia erntete tosenden Beifall, als sie mit Tawil gemeinsam den Refrain sang. Mit Graffiti Love als Zugabe verabschiedete sich der Künstler unter stehenden Ovationen. (Cornelia Hecker-Stock)

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