Pforzheimer Zeitung, 8. August 2016

Premiere der Ötigheimer Volksschauspiele

Bürgermeister Frank Kiefer wischt sich ein Tränchen der Rührung aus dem Augenwinkel. So begeistert ist er über die Leistungen seiner Dorfbewohner bei den Ötigheimer Volksschauspielen. Und mit dieser Begeisterung ist er nicht allein: Rund 3200 Besucher feiern die Premiere des Musicals Kiss me Kate mit stehenden OvationenDenn die über hundert Beteiligten wachsen in dieser Produktion – fast wie immer – über sich hinaus: Da wird getanzt, gesungen, geschauspielert auf meist sehr professionellem Niveau. Und das Bühnenbild, die Kostüme, die Requisiten sind eh ein Kapitel für sich. Denn die größte Freiluftbühne Deutschlands spart auch bei dieser Produktion nicht mit Aha-Effekten: Da rollt ein alter VW-Bulli ins gigantische Bühnenbild, ein Eselchen darf trottend die widerspenstige Kate davonschleppen, und als Taxi fugiert ein echter Oldtimer-Mercedes.

Doch vor allem die vielen jungen Mitwirkenden sind es, die diesem doch in die Jahre gekommenen Musical von Cole Porter Frische einhauchen. Geschickt durch Kostüme (Peter Sommerer) und Bühnenbild (Bettina Scholzen) zwischen Renaissance und den 1950ern angesiedelt, entfaltet dieses Stück im Stück ein quirliges Leben. Das liegt vor allem an einem Paar, das sich genauso vehement streitet, wie letztlich innig liebt: Regisseur Fred Graham muss, um seinen drängenden Geldnöten zu entfliehen, Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung auf die Bühne bringen: er in der Rolle des Petrucchio, Ex-Gattin Lilli Vanessi als Katharina. Doch das ehemalige Eheweib spielt nicht mit – schon gar nicht angesichts des Techtelmechtels von Fred und Nachtclub-Sängerin Lois. Keifen, schreien, treten, spucken – Viola Zimmermann hat das ganze Kätchen-Repertoire bestens drauf und singt dazu noch in höchsten Tönen. Doch so sehr sie auch in Rage gerät, an der Souveränität von Reinhard Danner als Fred kann sie nicht kratzen. Und Marysol Ximénz-Carrillo tanzt, singt, spielt sich als sexy Lois Lane ebenso in die Herzen wie als nicht ganz so tugendhafte Bianca.Stefan Haufe, der schon Schwarzwaldmädel und Die Passion in Ötigheim inszeniert hat, setzt in seiner Regie auf ein spannendes Wechselspiel intimer Szenen in der Schauspielergarderobe und großen, gemeinsam mit Julia Krug choreografierten Szenen, die die ganze große Naturbühne einbeziehen. Und Haufe hat ein Händchen für Komik, ein Gespür für den immensen Witz der deutschen Übersetzung von Günter Neumann. So sind die beiden Ganoven, die von Fred einen Schuldschein eintreiben wollen, absolute Paraderollen für Roman Gallion und Johannes Tüg, die vom Publikum frenetisch belacht und für ihren Hit Schlag’ nach bei Shakespeare lautstark gefeiert werden. Ob Viel zu heiß, Aber treu bin ich nur dir Schatz oder der Evergreen-Walzer Wunderbar: Ulrich Wagner und das erweiterte Orchester der Volksschauspiele sorgen für Ohrwürmer, die nicht nur Bürgermeister Kiefer noch lange in die Nacht begleiten. (Sandra Pfäfflin)

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