Badische Neueste Nachrichten, 23. November 2017

Politmärchen feiert zweite Premiere

Auch das mörderischste Regime kann funktionieren, solange es den Menschen vermeintliche Sicherheit bietet: Mehr als 600 Zuschauer erlebten ab Februar dieses Jahres in der kleinen Bühne der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ) die insgesamt acht umjubelten Aufführungen des gesellschaftskritischen Theaterstückes Der Drache von Jewgeni Schwarz. Jetzt geht das Schauspiel um Machtmissbrauch und um Menschen, die sich mit dem Leben in Angst und unter ständiger Kontrolle arrangieren müssen, in die zweite Runde. Die Proben in der VSÖ-Talentschmiede zur Wiederaufnahme des Stückes im Theaterwinter 2017/18 laufen auf Hochtouren.

Nach der zweiten Wiederaufnahmeprobe am Dienstagabend geht es jetzt im Zimmertheater in der Kirchstraße 5 jeden Abend rund, wie Regisseur Sebastian Kreutz berichtet. Am kommenden Freitag, 24. November, ab 20 Uhr feiert das Politmärchen des russischen Autors seine zweite Premiere. Es wird fünfmal zu sehen sein.

Seit der letzten Aufführung sind acht Monate verstrichen. Die Hauptarbeit bei der Wiederaufnahme bestand darin, das Fieber, die Temperatur der Figuren wiederzufinden, berichtet Kreutz. Außerdem hatten wir etliche Umbesetzungsproben, weil Alexander Grünbacher anstelle von Torben Frey, der in München in der Tierfilmschule arbeitet, in die Rolle des Archivars Scharlemann schlüpft. Es musste ein passendes Konzept für diese Figur gefunden werden. An verschiedenen Stellen herrsche jetzt ein anderer Rhythmus. Das Stück werde temporeicher inszeniert, weil die Schauspieler bereits wissen, worum es geht. Dadurch verkürze sich die Aufführungsdauer um etwa zehn Minuten, ohne dass wir etwas streichen mussten, erzählt der Schauspielprofi, der den Ötigheimer Nachwuchs seit bald drei Jahren unter seinen Fittichen hat.

In der Talentschmiede des Theatervereins macht er die jungen Leute mit den Grundlagen und Feinheiten des Theaterspielens vertraut. Dass er bei der Arbeit großen Wert auf die Sprache, auf Authentizität beim Spiel und eine intensive Auseinandersetzung mit den Figuren legt, wird auch bei der Probe mit den 18 Nachwuchsmimen deutlich. Zuerst gibt’s ein Aufwärmprogramm mit Lockerungsübungen für Körper und Stimme. Dann geht’s mit Feuereifer mitten hinein in die 1943 in der damaligen Sowjetunion geschriebene Märchenparabel, die Kreutz als ironisch, tiefgründig, humorvoll, im Grunde zeitlos, aber hochaktuell beschreibt. Es geht in dem Dreiakter, der in satirischer Form die in satirischer Form Machtmissbrauch und Untertanengeist anprangert, um Gerechtigkeit und Zivilcourage, um die Bequemlichkeit der Menschen, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden haben, und um die Frage, inwieweit Einzelne sich zur Wehr setzen und etwas verändern können.

Dies alles wird in einer farbenfrohen Märchenwelt verortet, in der es dem fahrenden Ritter und berufsmäßigen Helden Lancelot (Anna Beckert) gelingt, den seit 400 Jahren über eine Kleinstadt herrschenden dreiköpfigen Drachen (Judith Herz) zu töten und die schöne Jungfrau Elsa (Leah Patzelt) zu retten, die dem tyrannischen Untier geopfert werden sollte. Doch in der befreiten Kleinstadt hält sich die Begeisterung in Grenzen. Die unterwürfigen Bürger wollen gar nicht von „ihrem Drachen“ befreit werden. Schließlich hatten sie sich schon an das Untier gewöhnt. Nachdem Lancelot enttäuscht und schwer verwundet die Stadt verlassen hat, ergreifen die einst treuen Gefolgsleute des Drachen selbst die Macht.

Der schizophrene Bürgermeister (Lucy Schindele) wird Präsident, sein Sohn Heinrich (Julian Baumstark) Bürgermeister. Wer wissen will, wie die Sache ausgeht, hat am 24. und 25. November, am 8., 15. und 16. Dezember, jeweils ab 20 Uhr, Gelegenheit dazu. (Ralf Joachim Kraft)

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