Badische Neueste Nachrichten, 23. Mai 2015

Passion rüttelt auch heute noch auf

Die technische Probe für die Kreuzigungsszene war bereits am Montagabend. Sie musste vorgezogen werden, weil der Mittwoch, auf den sie ursprünglich terminiert war, das Ballett geprobt wird, wie Regisseur Stefan Haufe in einer E-Mail schrieb: Und die Ballettmädchen musste ich noch einmal sehen, ob die Anschlüsse passen, ob der Spielraum genutzt wird. Eine Szene, wie sie derzeit immer wieder vorkommt, denn die Proben für die Passion – Premiere ist am 14. Juni – treten in ihre Schlussphase. Bei einer so großen Produktion, die sich aus vielen kleinen Einzelszenen und Dialogen allmählich zu einem Ganzen zusammenfügt, ist das immer mal wieder so. Da muss ich schnell und flexibel umstellen sagt Regisseur Stefan Haufe. Seit mehr als einem dreiviertel Jahr kennt er nichts anderes mehr als die Passion. Er lacht, wenn er sagt, dass er sich nach sieben Wochen Probe manchmal nach der Probenphase der Operette Schwarzwaldmädel sehnt, da gab es zwischendrin auch mal lustige Szenen. Das ist bei der Passion natürlich nicht der Fall.
Überhaupt eine schwierige Aufgabe, weil der Stoff hinlänglich bekannt ist. Aber gerade dies sieht er als große Herausforderung. Vielleicht habe ich da auch einen gewissen Vorteil, sagt er nachdenklich. Da ich nicht jeden Sonntag in die Kirche gehe, gehe ich eher von außen an die Sache heran – als Theatermann. Und diesem Theatermann werden dann Details wichtig, die er anders inszeniert, zusammenbaut und sprechen lässt als die Regisseure vor ihm. Dass das so ist, bekommt er hautnah bei den Proben mit, wenn altgediente Passion-Darsteller ihm sagen, das haben wir aber so und so gemacht. Die Tradition, gerade auch in Ötigheim, ist für Stefan Haufe, der nur einmal das Musical Jesus Christ Superstar inszeniert hat und noch die eine Passion, eine Belastung, die er nur schwer abschütteln kann, wie er zugibt. Aber die Verantwortlichen der Volksschauspiele lassen mir freie Hand; es ist eher eine Kopfsache bei mir, sagt der Regisseur, der sich ein eigenes Textbuch aus der gekürzten Aufführung von 1990 und dem Originaltext von Pfarrer Josef Saier geschrieben hat.
Ich finde seinen Text so schön, seine Sprache fast poetisch und intensiv, findet Stefan Haufe. Deshalb hat er auch Textpassagen wieder hineingenommen, dafür Anschlüsse gekürzt, um die Spielzeit von dreieinhalb Stunden einzuhalten. Zwei Tanzszenen gibt es in der Passion, denen er dramaturgische Bedeutung zuweist: Einmal sind die Mädchen Bestandteil eines römischen Heerzuges und tragen Tabletts mit Brot und Früchten mit sich. Und einmal tanzen sie einen orientalisch anmutenden Tempeltanz, um die Atmosphäre des Basars im Tempel sinnlich erfahrbar zu machen. Auch das ist anders: Die Tanzgruppen sind nicht Dekoration, sondern sollen zu einer dichten Atmosphäre im Stück beitragen, dass den Zuschauer hineinzieht in diese fremde Welt und Zeit, dass sie für ihn beinahe physisch erlebbar wird. Deswegen verzichtet er auf jedes Pathos beim Sprechen. Ganz schwierig für Laien, vor allem wenn es nur einen Satz zu sagen gibt. Da wird alles hineingelegt, so Haufe. Körperspannung auf der Bühne und trotzdem möglichst natürlich sprechen, ein sehr schwieriger Spagat. Deshalb ist er froh, dass sein Jesus-Darsteller Eric van der Zwaag ein so versierter Schauspieler ist und mit seinen Dialogpartnern im Sinne des Regisseurs übt.
Geübt wurden die technischen Abläufe der Kreuzigungsszene übrigens am Montagabend. Da es in Ötigheim keinen Schacht gibt wie in Oberammergau, wird das Kreuz auf der Freitreppe vor der Kathedrale mit einer speziellen Befestigung aufgerichtet. Der Jesus-Darsteller hält sich an zwei Nägeln mit den Händen fest, die von weitem so aussehen, als wären sie tatsächlich eingeschlagen, und steht mit den Füßen während der acht Minuten auf einem kleinen Podest, angebracht auf dem unteren Drittel des Längsbalkens. Gesichert wird es mit Seilen und ist zusätzlich auch von hinten in den Treppenstufen verankert. Dass man das technische sieht, ist gut so, sagt der Regisseur, es wird Teil der Inszenierung. Teil seiner Inszenierung ist auch, dass er wesentliche Sprechszenen vor die Zuschauerränge verlegt und dennoch den Kontakt zum eigentlichen Spielort, Tempel- oder Ölberg, hält. Die Leute sollen den Text gut verstehen, ohne dass sie sich den Hals verdrehen, so Haufes Intention, dessen Ziel ist, die Zuschauer und die Akteure mit dem Geschehen zu packen, zu zeigen, welch explosive Kraft auch heute darin steckt.
In den Passionstexten des Neuen Testaments gibt es keinen Luzifer. Wohl aber im Text Pfarrer Josef Saiers. Freilich nicht als reale Gestalt, sondern als Allegorie, die als Gegenspieler Jesus auftritt. Luzifer, Sohn der Morgenröte, wurde ab dem Mittelalter gleichbedeutend mit dem Wort Satan verwendet, als Personifizierung des Bösen. Stefan Haufe nimmt in seiner Inszenierung den Gedanken der Allegorie auch dadurch auf, dass er den Luzifer doppelt besetzt hat, einmal mit einer Frau und einmal mit einem Mann. Eine Aufwertung erfahren auch die Römer. Ihre Auftritte nutzt Stefan Haufe konsequent, um die Staatsmacht zu symbolisieren. Was ritualisiert war, möchte der Regisseur aufbrechen, möchte durch Details eine andere Wahrnehmung ermöglichen als die gewohnt Litaneihafte.
Die Passion als lebendige, aufrüttelnde Geschichte, die auch heute noch Gültigkeit hat – Stefan Haufe wünscht sich, dass dies bei den Zuschauern ankommen wird. (Martina Holbein)

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