Badische Neueste Nachrichten, 23. Juni 2014

Opulentes Volkstheater in seiner schönsten Form

Auf dem Tellplatz haben sich irdische und himmlische Gestalten zum fetzigen Totentanz versammelt, um den Besuchern den weißblauen Himmel auf Erden zu bereiten. An Kirschgeist, zünftigen Trachtenträgern, feschen Jägern, barocken Engeln, krachledernen Putten, trefflichen Lebensweisheiten und spritzigen Dialogen herrscht kein Mangel.

Dass Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben wie geschaffen ist für Deutschlands größte Freilichtbühne, hat er am Samstagabend erneut bewiesen. Die Premiere der Neuinszenierung des Lustspiels sorgt für einen begeisternden Auftakt des Theatersommers, für viel Applaus nach drei kurzweiligen Stunden und Standing Ovations. Ob das von Regisseur Gerhard Franz Brucker auf die Bühne gebrachte Volksstück von Kurt Wilhelm allerdings zum Publikumsrenner wird, muss sich erst noch erweisen. Denn statt der üblicherweise 4 000 Premierengäste lockt das Schauspiel nur 2 000 Besucher auf den Tellplatz – was womöglich der starken Konkurrenz durch das zeitgleiche WM-Spiel der Deutschen geschuldet ist.

Behutsame Regieführung, engagierte Akteure, bajuwarische Klänge (musikalische Leitung: Ulrich Wagner), überraschende Spezialeffekte (Michael Lerner), ausgeklügelte Licht- und Tontechnik (Lukas Späth und Stefen Sachsenmaier) und prächtige Kostüme (Helmi Henssler) machen Bruckers baydische Inszenierung zum Gesamtkunstwerk.

Die Zuschauer erleben die bezaubernde Aufführung einer himmlischen Komödie um Leben und Tod mit trefflich besetzten Charakteren in den Haupt- und Nebenrollen. Professionell, mit viel Herzblut und im Verein mit dem „Volk“, der Reiterei, den Tanzgruppen, Chorsängern und Musikern entfalten 18 spielfreudige Rollenträger aus den Reihen der Volksschauspiele ein pralles, witzig-ironisches Freilichtspektakel vor einer prächtigen Kulisse mit dem Gasthaus Goldener Löwe rechts, dem Rütli und der Brandner-Hütte links und der monumentalen Nôtre Dame mit Treppenanlage in der Mitte, die bei geöffnetem Portal den Blick ins Paradies freigibt und als himmlisches Elysium perfekt ins Bühnenbild (Bettina Scholzen) passt. Anrührend und naiv-verschmitzt, zum einen Verspotter, zum anderen tieffühlender Mensch, spielt Fritz Müller mit großer Überzeugungskraft den in die Jahre gekommenen, aber kreuzfidelen Bayern Kaspar Brandner – ein bauernschlaues Schlitzohr, das selbst den Tod über den Tisch zieht und 18 weitere Lebensjahre ergaunert.

In der Rolle des Boanlkramer, eines dem Kirschgeist zugetanen Gevatters Tod, der sich beim Kartenspiel übers Ohr hauen lässt und den man eher bemitleiden als fürchten möchte, ist Reinhard Danner eine Wucht. Mit grandioser Mimik und Gestik macht er das aufgedreht herumhüpfende, plapperfreudige und grell lachende schwarze Männchen mit dem aschfahlen Gesicht zur liebenswert menschlichen Figur. Toll, wie er als feixender Sensenmann auf einem Sarg-Wagen, der von einem Pony gezogen und von Kutscher Gustav Schäfer gesteuert wird, an den Zuschauern vorbeisaust. Er ist zum treuen Kumpel seines Opfers geworden, das erkennen muss, dass sein „Handel“ nicht den versprochenen Gewinn bringt. Brandner sieht seine Nächsten nach und nach abtreten und bleibt allein zurück. Im Himmel fliegt sein Betrug auf, als Enkelin Marei (überzeugend: Anna Hug) 18 Jahre zu früh abberufen wird. Der Heilige Portner Petrus (mit bajuwarischer Milde: Markus Wild-Schauber) beauftragt den Sensenmann, den Brandner sofort heimzuholen. Listig lässt der „Boanl“ den Brandner die himmlischen Freuden vorkosten. Und der entscheidet sich freudig für die Vereinigung mit seinen Lieben im Paradies, in dem es bajuwarisch-diesseitig menschelt. Die Angst des Menschen vor dem Tod wurde mit Humor besiegt. Der absolutistisch aufgeblasene, Flammenschwert schwingende Erzengel Michael (als grantelnder Grant mit Allongeperücke und Flügeln: Julian Baumstark) musste vor der Liberalitas Bavariae kapitulieren. Nach dem Happy End werden alle Akteure gefeiert – vom Husaren-General von Ziethen (als schmissiger Preuße: Paul Kühn) über den fast heiligen Nantwein (Gerold Baumstark) oder die beiden Marei-Verehrer und Gegenspieler, Wilderer Flori (Florian Müller) und Jäger Simmerl (David Kühn), bis zu jenen, die mit flotten Tänzen (Choreografie: Andrej Golescu und Julia Krug), schmissigen Märschen (Musikverein), Chor-, Drei- und G’stanzlsang, Wirtshausmusik (Bühnenmusikanten), Jagdhorn-Getöse (Parforcehornbläser-Baden) oder an Händels Halleluja erinnernden Klängen die Aufführung zu dem machten, was sie war: Opulentes Volkstheater in seiner schönsten Form. (Ralf Joachim Kraft)

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