Badische Neueste Nachrichten, 29. März 20918

Sänger feilen an opulentem Bühnenwerk

Ein gestandener Österreicher wie Carl Zeller hätte wohl gesagt: A bisserl eng issas scho hier herinnen. Auf jeden Fall erinnern die etwas beengten Platzverhältnisse in dem nun nicht gerade kleinen Probenraum im Obergeschoss des Ötigheimer Gemeindehauses Alte Schule doch sehr an das Gedränge in einer Sardinenbüchse, wenngleich einer recht großen. Zumindest an diesem Abend. Spätestens nach dem Einsingen wird es dem einen oder anderen bei so viel Tuchfühlung – immerhin befinden sich sage und schreibe 213 Sängerinnen und Sänger im Saal – schon ziemlich warm ums Herz. Das Menschenmeer wogt. Mal im Sitzen, mal im Stehen probt es einen Gassenhauer nach dem anderen.

Die Ohrwürmer stammen aus Carl Zellers launiger Operette Der Vogelhändler, mit der die Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ) am 16. Juni den 112. Theatersommer auf Deutschland größter Freilichtbühne eröffnen werden. Die Premiere wird eine doppelte sein, da diese Operette zum ersten Mal auf der Naturbühne zu erleben sein wird. Regie führt Manfred Straube – in Ötigheim kein Unbekannter. Das Meisterwerk nach einem Libretto von Moritz West wurde am 10. Januar 1891 im Theater an der Wien uraufgeführt und gehört seither zu dem halben Dutzend Operetten, die sich seit der Erstaufführung ununterbrochen im Repertoire deutschsprachiger Bühnen behauptet haben. Ein opulentes Theatervergnügen mit Hunderten von Mitwirkenden erwartet die Zuschauer. Es wird getanzt. Es gibt ein Live-Orchester – und eine Musik, die nicht nur Evergreens wie Schenkt man sich Rosen in Tirol, Ich bin die Christel von der Post oder Grüß euch Gott, alle miteinander für die Besucher bereithält, sondern auch für die Volksschauspiel-Chöre und all ihre gesanglichen Unterstützer eine ganz besondere Herausforderung darstellt: Der Chor bestimmt das Bühnengeschehen maßgeblich. Die Chorpartie ist extrem umfangreich. Es ist sogar die quantitativ größte in der Geschichte der Volksschauspiele. Daher haben wir bereits im November 2016 mit den ersten Proben begonnen, verrät der musikalische Leiter der Volksschauspiele, Ulrich Wagner, im Vorfeld der letzten rein musikalischen Probe.

Im März habe es somit zwei musikalische Gesamtproben gegeben. Am Ostermontag beginnen mit der Volksprobe die szenischen Proben auf dem Tellplatz, berichtet Wagner, der neben der schieren Menge der Chortakte die raschen Wechsel von Chor- und Solopartien, zum Beispiel in den Finali des ersten und zweiten Aktes, als besonders schwierig bezeichnet. Insgesamt sei die Musik bis auf wenige kompliziertere Passagen schwungvoll und sehr eingängig. Wir hoffen, damit unsere Zuschauer und Zuhörer wirklich begeistern zu können, sagt Wagner, der sich besonders darüber freut, dass uns viele befreundete Sängerinnen und Sänger bei diesem Projekt unterstützen. Neben den VSÖ-Chören Großer Chor (138 Damen und Herren) und Junger Chor (32 Damen und Herren) sind vom MGV 1863 Ötigheim auch 20 Herren des Männergesangvereins und 23 Damen des Frauenchors Belle Amie sowie 13 Mitglieder des Extrachors des Badischen Staatstheaters mit von der Partie, die laut Wagner im Großen Chor mitsingen.

Die doppelt besetzten Solorollen übernehmen sieben junge Profi-Solisten, drei Sopranistinnen und vier Tenöre, sowie viele erfahrene Sängerinnen und Sänger aus den VSÖ-Reihen. Unsere Zuschauer dürfen sich also auch auf ein hochkarätiges Solistenensemble freuen, betont Wagner, der sich sehr zufrieden zeigt mit dem bislang Erreichten. Die Motivation aller Beteiligten ist sehr hoch. Der Rest muss dann in Verbindung mit den jeweiligen Szenen ausgefeilt werden.

Hervorragend laufe die Zusammenarbeit mit Manfred Straube. Er ist ein sehr erfahrener Regisseur, hat sich sehr intensiv mit Text und Musik beschäftigt, daraus seine sehr fundierte Interpretation entwickelt und ist selbst ausgebildeter Sänger, was der Arbeit sehr gut tut, so Wagner. Ralf Joachim Kraft

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