Badische Neueste Nachrichten, 27. August 2015

Opulent und Mitreissend

Am Anfang versuchen sie sich noch die Butter gegenseitig vom Brot zu nehmen, taufen den Abend jeweils zum Marc Marshall beziehungsweise Jay Alexander Open Air, am Ende liegen sie sich in den Armen und haben vor Stolz fast ein wenig die Tränchen in den Augen. Wenn dieses allumfassende Marc & Marshall Open Air zum 15-jährigen Bühnenjubiläum auf der ausverkauften Bühne der Ötigheimer Volksschauspiele eines leistet, dann diesem tongewandten Sänger-Duo ein künstlerisches Denkmal zu setzen. Drei Stunden, die bilderbuchartiger kaum hätte verlaufen können. Marshall & Alexander erinnern sich: Die Brokat-Stoffe zum ersten Fotoshooting in Rouen, noch bevor die erste Platte vor der Jahrtausendwende veröffentlicht war. Die erste gemeinsame Show in Ötigheim 2001, nachdem sie zur Millenniums-Spielzeit in der Zauberflöte gerade erst ihren Einstand auf der großen Bühne gegeben hatten. Wir waren Superstars witzeln die heutigen beiden Ikonen des Klassikpops und wissen sehr gut, was sie den Volksschauspielen und ihrem immertreuen Publikum zu verdanken haben.

Dementsprechend opulent fällt auch das Set aus. Vom epischen If You Could See Me Now bis hin zur rockigen Ballade Stay By Me fehlt bereits am Anfang schon kaum etwas in der emotionalen Palette zwischen schmachtigen Fetzen und mächtigen Spitzen früherer Zeiten. Der perfekt abgestimmte Sound der elfköpfigen Begleitband um den kongenialen Arrangeur und Leader Frank Lauber geleitet die gesungenen Zeilen kräftig, aber ohne die stimmlichen Glanzpunkte zu überdecken.

Marshall & Alexander beweisen nicht nur als Duo, wie mitreißend ihre Organe sich zu umarmen vermögen – auch solo präsentieren sich die Gentlemen als Sänger von Charakter und Können. Die seelentiefe Tenorstimme von Jay Alexander geht da zwar mit Alessandro Safinas mondsüchtiger Hommage Luna einen intimeren Weg als Marc Marshall, der sich mit High Heels als draufgängerischer Dandy exponiert, und sich die nächstbeste Zuhörerin gerne zum Walzer krallt, wenn sie denn schon in Reihe 4 sitzt. Ihren rauschenden Beifall kassieren aber beide für diese Ausnahmeleistungen, und kriegen nach so witzig ausgestaltetem wie ausgiebigem Lob für die aktuelle Soloplatte des Kollegen doch gemeinsam wieder zielsicher die Kurve. Highway To Hell, Born To Be Wild und Smoke On The Water als episches Medley und Bruchkante hin zur ungebrochenen Party-Stimmung? Das erlebt man selbst bei so extrovertierten Künstlern wie Marshall & Alexander höchst selten. Dass dann das Sakko zum wackelnden Hintern von Marc Marshall fällt, ist bei Weitem keine Stilblüte, sondern Teil der Dramaturgie.
Mit Dietrich Bonhoeffers Von gutem Mächten für einen kurzen Augenblick Intimität atmen, zum Karat-Klassiker „Über sieben Brücken“ die Feuerzeuge rausholen, dann ist es soweit, und Charlie Chaplins This Is My Song hält mit der ganz großen – auch stimmlichen – Show her, die nur von „La Stella più grande“ noch übertroffen wird. Mit Wunderkerzen feiern die restlos begeisterten Fans den Abschiedstitel dieses Abends, der Zeugnis, Erklärung und Selbstvergewisserung einer schönen Erfolgsgeschichte war. (Markus Mertens)

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